Australien bestätigt die Existenz eines „nicht bestimmten“ Geschlechts

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Australien bestätigt die Existenz eines „nicht bestimmten“ Geschlechts

(Blogmensgo, schwuler Blog vom 3. April 2014) Der oberste australische Gerichtshof hat am 2. April bestätigt, dass jeder, der sich nicht eindeutig als Frau oder Mann einordnen möchte, das Recht hat, sein Geschlecht standesamtlich als „nicht bestimmt“ anzugeben. Diese Anordnung des höchsten australischen Gerichts ist möglicherweise im gesamten Bundesgebiet gültig.

Urteil des obersten Gerichtshofs: Komplett | Zusammenfassung als PDF, als RTF

(Anordnung des vorsitzenden Richters French und der beisitzenden Richter Hayne, Kiefel, Bell und Keane nach einer dreistündigen Anhörung am 4. März 2014.)

Der Fall hatte im Jahre 2010 begonnen, als Norrie (vgl. das oben stehende Video-Interview vom 8. März 2012) auf dem Standesamt von New South Wales darum ersuchte, sein Geschlecht mit „nicht bestimmt“ eintragen zu lassen. Vier Monate später sind die Behörden in New South Wales allerdings im Bezug auf den Falls Norrie zurückgerudert und haben Norrie sein „neutrales Geschlecht“ wieder aberkannt. Norrie war zu jenem Zeitpunkt 48 Jahre alt und hatte sich den Namen Norrie May-Welby (Norrie Kannschonsein) gegeben. Die ursprünglich mit männlichem Geschlecht geborene Person ließ eine chirurgische Geschlechtsumwandlung durchführen, fühlte sich aber anschließend in ihrem weiblichen Körper nicht wohler als zuvor in ihrem männlichen. Das äußere Erscheinungsbild von Norrie ist komplett androgyn.

Norrie rief daraufhin das Verwaltungsgericht von New South Wales an. Nachdem sie in erster Instanz verloren hatte, ging sie in Berufung, und die drei Richter des Berufungsgerichts befanden einstimmig, dass „das Wort Geschlecht sich nicht auf die binäre Bedeutung von ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ eingrenzen lässt“.

Das Personenstandsregister von New South Wales hat den Fall vor den australischen obersten Gerichtshof gebracht. Die Argumentation: Die Einführung einer dritten Geschlechtsbezeichnung könnte möglicherweise ein inakzeptables Durcheinander nach sich ziehen.

Die Anordnung des australischen obersten Gerichtshofs konkretisiert, dass das australische Gesetz zur Ehe „der wichtigste – und vielleicht der einzige – Fall ist, wo das Geschlecht der betroffenen Personen bezüglich einer Beziehung eine wirksame juristische Bedeutung hat“.

Damit bezog sich das Gericht auf seine Anordnung vom 12. Dezember 2013, die das Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe im Gebiet der Bundeshauptstadt außer Kraft setzt.

„In den meisten Fällen hat das Geschlecht der betroffenen Personen keinerlei Auswirkungen auf ihre gesetzlichen Beziehungen“, präzisiert das höchstrichterliche Urteil. Weiterhin befanden die fünf Richter einstimmig, „dass das Gesetz von 1995 über die Eintragung von Geburten, Todesfällen und Eheschließungen [in New South Wales] dem staatlichen Personenstandsregister erlaubt, das Geschlecht einer Person als ‚nicht bestimmt‘ einzutragen“, es damit also nicht näher zu präzisieren.

Der oberste Gerichtshof hat jedoch, entgegen der Forderung Norries, die explizite Schaffung einer administrative Bezeichnung vom Typ „intersexuell“ oder „transsexuell“ verworfen – und das, obwohl die Tatsache, dass New South Wales bereits 1996 eine Verfassungsänderung angenommen hatte, die die Existenz von Personen mit unbestimmtem Geschlecht anerkennt, beweist, dass „das Geschlecht einer Person nicht [...] in allen Fällen zweifelsfrei männlich oder weiblich ist“, wie die Richter in ihren Ausführungen schreiben. Die oberste Gerichtsbarkeit hat damit angeordnet, dass New South Wales in den standesamtlichen Dokumenten Norries als Geschlecht „nicht bestimmt“ einzutragen hat.

Diese Anordnung des australischen obersten Gerichtshofs gilt zunächst in New South Wales, könnte jedoch bald auch in den anderen Staaten und Gebieten Australiens anwendbar sein.

Seit März 2014 ist auf dem Gebiet der australischen Bundeshauptstadt niemand mehr gezwungen, sich als Mann oder Frau zu definieren. Außerdem kann man sein „standesamtliches Geschlecht“ nun ändern, ohne zuvor eine geschlechtsanpassende Operation durchführen zu müssen.

Seit 15. September 2011 kann sich jeder Inhaber eines australischen Reisepasses frei entscheiden, als Geschlecht männlich, weiblich oder X (unbestimmt) eintragen zu lassen.

Wolfgang / MensGo
(Nach australischen Pressemitteilungen vom 2. April 2014, unter anderem The Sydney Morning Herald [sehr umfassend] und The West Australian [eher knapp].)

 

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