Sind Homophobe meist unterdrückte Schwule?

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Sind Homophobe meist unterdrückte Schwule?

(Blogmensgo, schwuler Blog vom 13. Juni 2016) Bedeutet Homophobie eine Abneigung gegen Schwule oder vielleicht sogar eine versteckte Anziehung? Anders gesagt: Beruht sehr stark homophobes Verhalten auf einer echten Abneigung gegen Schwule oder aber auf unterdrückten homosexuellen Empfindungen? Nach einer Studie der Universität Genf können beide Erklärungen bei bestimmten Menschen zutreffen.

Sich küssende Männer

Schockiert von diesem Foto? Dann bist du vielleicht schwul – aber momentan auch (noch) homophob. © 123RF/lopolo.

Wer ist denn jetzt homophob?

Der Wissenschaftler Boris Cheval von der Fakultät für Psychologie und Erziehungswissenschaften der Uni Genf hat eine Methode zur Vorhersage von homophoben Verunglimpfungen oder Verhaltensweisen entwickelt. Die Ergebnisse der Studie wurden im Mai in der gedruckten Version des Journal of Sexual Medicine veröffentlicht, sind aber bereits seit dem 19. März online verfügbar (Zusammenfassung) – allerdings dort sehr teuer.

Zwei Arten von Homophobie

Die Studie stützt sich auf 38 freiwillige Teilnehmer, die sich als heterosexuell bezeichneten. Die Wissenschaftler haben (nicht sehr überraschend) zwei Arten von Homophoben erkannt: Die durch das soziale Umfeld oder die Bildung geprägten und andere, die sich insgeheim von Männern angezogen fühlen, sich aber zugleich schwulenfeindlich benehmen. Diese zweite Gruppe entspricht im Grunde den sogenannten unterdrückten Schwulen, über die schon lange gesprochen wird, ohne dass jedoch konkrete Zahlen oder Studien darüber vorliegen.

Boris Cheval widmet sich ganz besonders dieser Gruppe:

„Diese Gruppe interessiert uns, weil diese Menschen tatsächlich selbst Opfer sind. Ein solch starker Gegensatz zwischen ihren intimen Empfindungen und der nach außen dargestellten Haltung muss aller Wahrscheinlichkeit nach negative Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden haben.“
(Boris Cheval, Wissenschaftler an der Fakultät für Psychologie, Genf)

Die von Boris Cheval entwickelte Methode beleuchtet zwei Arten von Homophobie und diverse Abstufungen dazwischen, die jeweils auf die Teilnehmer zutrafen: Die „kalte“ Homophobie einerseits, also überlegt, rational, verbalisiert und bewusst. Andererseits aber auch die „warme“ Homophobie, also instinktiv, emotional, unausgesprochen und unbewusst.

Neue Methoden

Frühere Studien zu dieser Thematik haben sich meist darauf konzentriert, die Reaktion am Penis der Teilnehmer zu messen, also den Grad der Erektion. Allerdings können die so erhaltenen Ergebnisse auch durch Faktoren wie Stress, Angst, Müdigkeit usw. verfälscht werden.

Cheval und sein Team haben sich bei dieser neuen Studie also vielmehr auf den Blick und die Aussagen der Teilnehmer gestützt. Zum ersten war ein Fragebogen zum Thema auszufüllen, und anschließend wurden den Teilnehmern am Computer Bilder gezeigt, die sie als eher homo- oder heterosexuell einstufen sollten.

Gay Art (Parkstone)

Titel des Buchs Gay Art von James Smalls (Parkstone-Verlag). Anziehend oder abstoßend?

Sehr schnell stellte sich heraus, dass die homosexuelle Anziehung sich durch ein längeres Betrachten von Bildern mit schwuler Thematik zeigte, und zwar unabhängig vom zuvor erklärten Grad der Homophobie. Das bedeutet also, dass die Dauer der Reaktion auf schwule Stimuli auch bei sehr stark homophob agierenden Männern einen Vorhersagewert für gleichgeschlechtliche Anziehung darstellt.

Diverse Unklarheiten

Die Studie von Boris Cheval ist derzeit noch sehr unkonkret und sollte zunächst bestätigt werden, bevor man daraus praktische Anwendungen (Therapieansätze vielleicht?) ableiten kann.

Methodische Schwächen

Gelten diese Ergebnisse tatsächlich für alle homophoben Männer? Das ist vor allem aus zwei Gründen anzuzweifeln:

Die Teilnehmer waren Studenten, bilden also eine sehr junge Gruppe. Deshalb wird man sich schwer tun, die Ergebnisse auf ältere oder auch noch jüngere Männer anzuwenden.

Außerdem ist der Bildungsgrad bei dieser Population natürlich sehr hoch. Wie sähen die Ergebnisse dann aber bei weniger gebildeten Männern aus?

Außerdem führt die Größe der Stichprobe (38 Teilnehmer) zu einer relativ großen Fehlerrate, verglichen mit einer Stichprobe von mehreren Hundert Teilnehmern.

Andere Perspektiven

Die Studie hat lediglich die Reaktion von Männern auf Schwule beleuchtet.

Wie sieht es denn aber zum Thema Lesben aus? Oder wie Frauen Schwule bzw. Männer Lesben betrachten?

Eines kann man jedenfalls sagen: Diese Studie ist richtungsweisend, und wir sind gespannt auf weitere, noch aussagekräftigere Nachfolgestudien.

Wolfgang / MensGo
(Nach 360° vom 9. Juni 2016)

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