Amerikanische Jugendliche, die ihre sexuelle Orientierung nicht akzeptieren, haben 70 Prozent höheres Selbstmordrisiko

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Amerikanische Jugendliche, die ihre sexuelle Orientierung nicht akzeptieren, haben 70 Prozent höheres Selbstmordrisiko

(Blogmensgo, schwuler Blog vom 26. März 2018) Eine im American Journal of Preventive Medicine veröffentlichte Studie der amerikanischen CDC (Centers for Disease Control and Prevention von Atlanta (Georgia) unter Leitung von Francis B. Annor zeigt, dass amerikanische Jugendliche, die ihre sexuelle Orientierung nicht leben, ein Selbstmordrisiko von 46,3 % haben – gegenüber 22,4 % bei denen, die mit ihrer sexuellen Orientierung im Einklang leben. Nach statistischer Gewichtung und Anpassung haben diese Jugendlichen mit einer „Diskrepanz in der sexuellen Orientierung“ eine um 70 % höhere Wahrscheinlichkeit für Selbstmordgedanken oder ‑versuche als ihre Altersgenossen, die ihre sexuelle Orientierung leben.

Eine einzigartige Studie

Der Umfang der Studie

Francis Annor und sein Team hatten einen Fragebogen mit 99 Elementen erarbeitet, den 15.624 Schülern aus öffentlichen und privaten Schulen der Klassen 9 bis 12 in allen 50 Bundesstaaten sowie Washington (District of Columbia) ausfüllten. Anschließend wählten sie für die Studie dann eine Stichprobe von 6.790 schwulen oder heterosexuellen Studenten aus, die schon mindestens eine sexuelle Begegnung hatten.

Die Forscher aus Atlanta glauben, dass diese Studie die erste ist, die sich auf das Selbstmordrisiko unter amerikanischen Jugendlichen konzentriert. Ähnliche Studien hatten bisher auf die allgemeine Bevölkerung (insbesondere Erwachsene) abgehoben. In gewisser Weise ist es die erste Studie, die einerseits die methodische Definition der sexuellen Orientierung statistisch verfeinert und andererseits den Zusammenhang einer diskordanten sexuellen Orientierung mit dem Selbstmordrisiko unter amerikanischen Teenagern untersucht hat (Details siehe unten).

Der Fragebogen enthielt zwei Fragen zur Sexualität und drei Fragen zum Thema Selbstmord.
Die Befragten mussten zunächst ihre eigene sexuelle Identität (homo, hetero oder bi) und dann die sexuelle Identität ihrer derzeitigen oder früheren Partner (immer des gleichen Geschlechts, immer des anderen Geschlechts oder beider Geschlechter) definieren. Der Begriff „diskordante sexuelle Orientierung“ (sexual orientation discordance) bezeichnet dann ein Sexualverhalten, das nicht der sexuellen Identität entspricht, also wenn Schwule oder Lesben Sex mit einer Person des anderen Geschlechts oder mit Personen beiden Geschlechts haben, oder wenn ein Heterosexueller Sex mit Personen des gleichen oder beider Geschlechter hat.
Das Suizidrisiko bezieht sich nur auf die 12 Monate vor dem Ausfüllen des Fragebogens (2017) und reicht vom einfachen Selbstmordgedanken über die Vorbereitung eines Selbstmordes bis hin zum Selbstmordversuch.

Die wichtigsten Ergebnisse

Die Forscher gingen davon aus, dass die sexuelle Orientierung drei Faktoren beinhaltet: Die sexuelle Identität (homo/hetero/bi), das Sexualverhalten und die sexuelle Anziehung. Eine diskrepante sexuelle Orientierung beschreibt den Widerspruch zweier Faktoren, wobei das Team aus Atlanta sich auf die Diskrepanz zwischen der sexuellen Identität und den „sexuellen Kontakten“ fokussiert hat.

Von den 6.790 Schülerinnen und Schülern in der Stichprobe wiesen insgesamt rund 3,9 Prozent eine diskrepante sexuelle Orientierung auf. Unter den 2,2 Prozent der schwulen oder lesbischen Studenten liegt der Anteil allerdings bei 31,9 Prozent, unter den 97,8 Prozent heterosexuellen Schülern jedoch bei nur 3,3 Prozent.

Der bemerkenswerteste Unterschied liegt im hohen Selbstmordrisikofaktor, wobei dies stärker die Mädchen (29,5 % des weiblichen Panels) als die Jungen (18,4 % des männlichen Panels) betrifft. Das Risiko ist bei homosexuellen Jugendlichen doppelt so hoch wie bei heterosexuellen (45,9 % gegenüber 22,8 %). Die Aufschlüsselung nach der sexuellen Orientierung macht den Unterschied noch deutlicher, da das hohe Risiko 46,3 % der Personen mit diskordanter und nur 22,4 % der Befragten mit konkordanter sexueller Orientierung betrifft.

Zwei Faktoren scheinen das Selbstmordrisiko zu erhöhen: Erstens, Mobbing in der Schule (Selbstmordrisiko bei Mobbing-Opfern 42,2 %, gegenüber 22,4 %). Zweitens, körperliche Gewalt, also erzwungener Geschlechtsverkehr. Das Selbstmordrisiko liegt bei Vergewaltigungsopfern bei 51,4 % (also jeder Zweite!), gegenüber nur 20,3 % bei denjenigen, die nicht gezwungen (bzw. vergewaltigt) wurden.

Alarmierende, aber wertvolle Erkenntnisse

Die Autoren der Studie glauben, dass ihre Statistiken mit ähnlichen Studien über die erwachsene Bevölkerung vergleichbar sind. Bestimmte Variablen (Depression, Alkoholismus, Drogenkonsum) treten häufiger bei Menschen mit diskordanter sexueller Orientierung und Selbstmordtendenzen auf, sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen. Aber die Atlanta-Forscher stellen lediglich das gleichzeitige Auftreten dieser drei Variablen, ohne auf eine echte Kausalität zu schließen.

Auf der anderen Seite vermutet das Team von Francis B. Annor, dass Schüler mit diskordanter sexueller Orientierung unter sozialer Diskriminierung, Stigmatisierung, bis zur vollständigen Ablehnung leiden und sie verinnerlichen. Deshalb ist es notwendig, ein sichereres Umfeld und eine integrativere Schulumgebung für sexuelle Minderheiten zu schaffen. Idealerweise sollte man die Vielfalt der sexuellen Orientierung fördern, sie anerkennen und Diskriminierung besser bekämpfen.

Einige methodische Schwächen

Die Autoren der Studie geben durchaus zu, dass sie das Kriterium der sexuellen Anziehung nicht berücksichtigt und deshalb nur zwei der drei Bestandteile der sexuellen Orientierung (sexuelle Identität, Geschlecht der Partner) betrachtet haben.

Ebenso erkennen sie an, dass ihre Statistiken aus 2017 auf einer Methodik und Demographie aus dem Jahr 2015 (YRBS-Daten) basieren, was nicht ideal ist. Da diese Datenbasis nur Studenten umfasst, deckt sie nicht die gesamte jugendliche Bevölkerung in den Vereinigten Staaten ab und berücksichtigt möglicherweise eine recht große außerschulische LGB-Untergruppe nicht.

Eine weitere, ungeklärte Frage ist auch, wie genau man „Sexualkontakt“ definiert…

Ebenso erkennen die Autoren an, dass sie den LGB-Anteil verringert haben könnten, indem sie einfach alle Antworten des Typs „Ich weiß nicht“ auf Fragen zur sexuellen Orientierung eliminiert haben. Da Jugendliche nicht immer mit Sicherheit feststellen können, was ihre sexuelle Identität ist, stellt dies eine Verzerrung dar, ebenso wie die Tatsache, dass sie die Fragebögen von Schülern, die sich als bisexuell ausweisen, freiwillig ausgeschlossen haben.

Schließlich erkennen Francis Annor und sein Team an, dass es für Teenager in der Pubertät nicht ungewöhnlich ist, unterschiedliche sexuelle Erfahrungen zu sammeln: Es ist Teil der natürlichen Erforschung und Selbstbeobachtung, die in diesem Alter sehr häufig vorkommt, ohne jedoch automatisch zu Depressionen oder Unbehagen zu führen.

Weitere Fehler…

Auch die Auswahl der Stichprobe stellt gewisse Fehlerquellen dar.

Die Studie nicht auf Altersgruppen sondern nur auf die Klassenstufe, so dass Schüler, die eine Klasse übersprungen oder wiederholt haben, nicht richtig eingeordnet werden. Ein Jahr mehr oder weniger kann jedoch im Leben eines Teenagers einen bedeutenden Unterschied machen.

Die Hauptmängel dieser Studie sind statistischer Art: Die Forscher haben keine statistische Klassifizierung durchgeführt, so dass die endgültige Stichprobe eine Überrepräsentation von Schwarzen und Hispanoamerikanern aufweist, nach der die Ergebnisse eigentlich angepasst werden müssten.

Eine solche Anpassung wurde auch nicht bezüglich der Geschlechterverteilung vorgenommen, so dass die Daten ein starkes Geschlechterungleichgewicht (56 % der Jungen und 44 % Mädchen) aufweisen.

Die letztendliche Stichprobe umfasst nur 194 Studenten, die sich für schwul oder lesbisch halten, und 311 Studenten mit einer Diskrepanz in der sexuellen Orientierung. Im Hinblick darauf, dass die Studie alle 50 Staaten sowie den District of Columbia umfasst, erscheinen der statistische Wert und vor allem die Repräsentativität der Ergebnisse zu schwach. Es ist zu hoffen, dass ähnliche Studien für jedes Bundesland oder jede Region bald genauere und zuverlässigere Ergebnisse liefern werden.

Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass nur lebende Personen auf den Fragebogen geantwortet haben. Das liegt auf der Hand, bedeutet aber, dass Studierende, deren Selbstmordversuch „erfolgreich“ war, in den Studienergebnissen nicht berücksichtigt werden. Das tatsächliche Selbstmordrisiko ist daher höher als die hier vorliegenden Zahlen. Außerdem wurden nur Selbstmordgedanken,  pläne und  versuche der letzten zwölf Monate berücksichtigt.

Fazit

Die Studie der Forscher aus Atlanta zeigt trotz der angesprochenen Mängel, dass die Bildungs- und Präventionspolitik in Richtung Inklusion von Schwulen, Lesben und Bisexuellen verbessert werden muss.

Aufbauend auf dieser Studie sollten nun Methoden und Strategien für den Kampf gegen Homophobie entwickelt werden, insbesondere, weil es in vielen dieser Fälle tatsächlich um Leben und Tod geht.

Die Studie zeigt, wie wichtig es ist, die leidenden Jugendlichen anzuhören, zu verstehen und zu schützen, um gravierende bis tödliche Folgen zu vermeiden. Ebenso entscheidend sind das Coming-out und die Reaktion der Familie, der Freunde und des schulischen Umfelds. Auch hier gibt es Raum für Verbesserungen – für alle, auch außerhalb des Schulsystems.

Mehr Infos zu dieser Studie: Sexual Orientation Discordance and Nonfatal Suicidal Behaviors in U.S. High School Students. Annor, Francis B. et al. American Journal of Preventive Medicine, Vol. 54, Issue 4, Seiten 530-538.

Love, Simon, von Greg Berlanti

Da ein gutes und gesundes Coming-out enorm wichtig ist, können Jugendliche durch Massenmedien, wie das Kino, in positiver Weise informiert werden.

In diesen Tagen hat Greg Berlanti in den USA einen Film mit dem Titel Love, Simon (oben: offizieller Trailer auf Englisch) veröffentlicht, der die Schwierigkeiten mit dem eigenen Coming-Out sowie die ersten homoerotischen Gefühle des Teenagers Simon (Nick Robinson) zeigt.

Hier noch ein zweiter Trailer, ebenfalls auf Englisch:

Der Filmemacher Xavier Dolan aus Quebec unterstreicht die positive Herangehensweise Berlantis an das Thema Coming-Out.

Speak no Evil, von Uzodinma Iweala

Die Autoren der Studie aus Atlanta vermeiden wohl absichtlich jeden Hinweis auf Religion und sprechen nur von „sozialer Norm“ und „sozialem Druck“ als Stressoren, insbesondere bei Jugendlichen mit diskordanter sexueller Orientierung.

Speak no Evil (cover)

Speak no Evil, von Uzodinma Iweala, erschienen bei HarperCollins.

Der amerikanische Schriftsteller Uzodinma Iweala erzählt in seinem Roman Speak no Evil die Geschichte von Niru, dem Sohn nigerianischer Einwanderer, auf den seine Eltern sehr stolz sind, solange er sich nicht outet. Klar, der Gymnasiast ist jung, gutaussehend, sportlich, kultiviert und steuert ein Studium in Harvard an. Wie die Buchfigur ist auch der Autor Sohn nigerianischer Einwanderer und hat in Harvard studiert.

Alles wäre in Ordnung ohne die extreme Frömmigkeit seiner Eltern, die von einer Homophobie getrieben werden, die an Wahnsinn grenzt. Schwulsein ist für sie wie die Verkörperung des absoluten Bösen. Als sie von der Homosexualität ihres Sohnes erfahren, bombardieren ihn Vater und Mutter mit religiösen Floskeln und Argumenten, vergleichbar mit einer unsinnigen und grausamen Bekehrungstherapie.

Ein tolles und aufschlussreiches Buch für alle, die an diesem Thema interessiert sind.

Wolfgang / MensGo

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