Angels in America gewinnt weniger als erwartet bei den Tony Awards 2018

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Angels in America gewinnt weniger als erwartet bei den Tony Awards 2018

(Blogmensgo, schwuler Blog vom 17. Juni 2018) Die Verleihung der 72. Tony Awards am 10. Juni 2018 zu Ehren der Broadway-Theater- und Musikindustrie hatte viele Höhepunkte: Zum einen hat Tony Kushners Theaterstück Angels in America trotz vieler Nominierungen am Ende nur drei Trophäen gewonnen. Zum anderen musste Robert De Niro auf der Bühne ein donnerndes „Fuck Trump!“ loswerden – was vom Sender CBS sofort zensiert wurde.

Angels in America, unter der Regie von Marianne Elliott, gewann den Tony Award für die beste Wiederaufnahme eines Stücks, und das obwohl es in dieser Kategorie noch vier weitere gute Arbeiten gab.

Tony Kushner

Tony Kushner und das Team von Angels in America © Theo Wargo / Getty Images

Der Dramatiker Tony Kushner hat vor über einem Vierteljahrhundert drei Jahre gebraucht, um sein Meisterwerk zu schreiben. Die beiden Teile des Stücks wurden dann 1991 bzw. 1992 uraufgeführt. Trotz einiger Änderungen durch Tony Kushner dauerte die endgültige Vollversion fast siebeneinhalb Stunden (bzw. sogar achteinhalb Stunden inklusive Pausen).

Die Wiederaufnahme von Angels in America hat zunächst das Londoner National Theatre erobert, bevor es seit Mitte März das New Yorker Neil Simon Theatre begeistert und dieses Jahr bereits einige andere Preise abgeräumt hat.

Nathan Lane

Nathan Nathan Lane erhält den dritten Tony seiner Karriere – dieses Mal für seine Rolle als Roy Cohn. © Kevin Mazur / Getty Images

Im ursprünglichen Stück wie in der aktuellen Inszenierung sind alle Figuren fiktiv bis auf einen: Roy M. Cohn, einen berüchtigten Antikommunisten und homophoben Anwalt, der selbst aber schwul war. Er starb 1986 an AIDS, was er aber nie zuga und als Leberkrebs ausgab. Nathan Lane gewann den Tony Award für die beste Nebenrolle für seine Verkörperung als Roy Cohn.

Der andere große Gewinner in der Kategorie der männlichen Hauptdarsteller ist Andrew Garfield. Seine Figur Prior Walter war ebenfalls ein schwuler AIDS-kranker Mann, der jedoch im Gegensatz zu Roy Cohn seine Homosexualität akzeptierte.

Andrew Garfield

Andrew Garfield, mit Lächeln und Fliege. © Theo Wargo / Getty Images

Bei seiner Preisannahme hat Andrew Garfield alle LGBTQ-Personen geehrt, „die gekämpft und verloren haben“.

Außerdem ist er auch auf eine aktuelle Debatte eingegangen:

Let’s just bake a cake for everyone who wants a cake to be baked!

Garfields Satz bezieht mit einfachen Worten Stellung in der aktuellen Debatte zu homophoben Händlern und Handwerkern. Können wir uns vorstellen, dass Schwule oder Lesben unbedingt eine Hochzeitstorte von einem Konditor bestellen wollen, der seine Homophobie im Umgang mit seinen Kunden zeigt? Klar ist wohl, dass man keine Konditoren bekehren kann, wenn sie nun einmal keine Hochzeitstorten für Schwule oder Lesben liefern wollen.
Übrigens erschien in der Washington Post ein sehr guter Kommentar zur Tony-Preisverleihung, genauer: zu den verschiedenen Möglichkeiten, sich (nicht) öffentlich für oder gegen eine Sache oder Ideologie einzusetzen.

In einem Interview hinter den Kulissen und vor der Bekanntgabe der Gewinner sagte Andrew Garfield, dass er Angels in America momentan das beste Stück im Repertoire findet – mehr dazu später. Dann bezeichnete er die Regisseurin Marianne Elliot als Gaia, die „Mutter Erde“. Hier ist das Interview, in dem Garfield zusammen mit der britischen Schauspielerin Carey Mulligan interviewt wird:

Nicht alle acht Nominierungen wurden am Ende zu Preisen, darunter die Auszeichnung für die beste Regie (Marianne Elliott) und zwei für die beste Nebendarstellerin (Denise Gough und Susan Brown).

Tony Kushner gratulierte einer besonders großen schwulen Ikone zum Geburtstag: Judy Garland, geboren am 10. Juni und viel zu früh verstorben.

Robert De Niros kurze Rede zog die besondere Aufmerksamkeit der Medien und sozialen Netzwerke auf sich. Zweimal sagte der Schauspieler und Regisseur „Fuck Trump!“, was bei der (zeitlich versetzten) Übertragung überpiept, also zensiert wurde.

Neben der zensierten Version des Mitschnitts kursieren allerdings auch Versionen mit Originalton:

Diese Art der Zensur bei CBS beruht auf einer rechtlichen Verpflichtung: In den Vereinigten Staaten ist es frei zu empfangenden und öffentlichen Sendern untersagt, Schimpfwörter oder Nacktbilder zu senden. Deshalb gibt es häufig eine zeitliche Verzögerung bei der Ausstrahlung, wie in diesem Fall bei CBS sieben Sekunden zwischen dem Live-Signal und der tatsächlichen Übertragung. Das reicht dafür, dass solche „obszönen“ Äußerungen der Teilnehmer „überpiepst“ werden können.

Wir erinnern uns, dass vor Jahren die kurz sichtbare Brustwarze von Janet Jackson dem Fernsehsender eine kolossale Geldstrafe eingebracht hatte. Bei de Niros Äußerung zu Trump riskierte CBS finanziell zwar sicher weniger, aber es wurde eben gemacht, weil es so vorgeschrieben ist. Auch YouTube zensiert seine Videos nicht, sondern, stellt einfach nur die hochgeladenen Videos zur Verfügung.

American Theatre

Ein Engel auf dem Titel der März-Ausgabe von American Theatre. © americantheatre.org

Zurück zur Bedeutung des Stückes Angels in America. In Europa ist Tony Kushners Stück gar nicht so bekannt. Es hatte aber einen sehr großen Einfluss auf die englischsprachige Welt, besonders in den Vereinigten Staaten, sowohl bei Heterosexuellen als auch bei Schwulen.

Die ursprüngliche Version des Stücks gewann damals sieben Tony Awards (darunter auch den für das beste Theaterstück, und zwar für beide Teile), den Pulitzer Prize für das beste Theaterstück sowie zahlreiche professionelle Auszeichnungen in den USA und anderswo.

Kein Wunder also, dass die führende Fachzeitschrift der Branche, American Theatre, in ihrer März-Ausgabe 2018 diesem herausragenden Theaterstück ihre Titelseite und einen großen Artikel gewidmet hat.

Angels in America, revised edition

Angels in America von Tony Kushner: Das sehr bemerkenswerte LGBT-Theaterstück. © TCG

Es ist interessant, wie sehr Angels in America die ganze Branche über ein Vierteljahrhundert geprägt hat, von den Schauspielern bis hin zu den Drehbuchautoren und Regisseuren. Es ist natürlich keine große Überraschung, dass Angels in America für LGBT-Regisseure, -Schauspieler und sonstige Theaterfiguren eine sehr große Bedeutung hat.

Interessanterweise sagen aber fast alle, die von „American Theatre“ (was ja kein schwules Magazin ist) interviewt wurden, dass es in ihrem persönlichen Reifungs- und Karriereweg eine Zeit vor und eine Zeit nach diesem einflussreichen Stück gegeben hat. Wenn die „Profis der Branche“ dies unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung sagen, ist dies die schönste Hommage an ein Stück, die man sich vorstellen kann.

Wolfgang / MensGo

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