USA: Pride Month 2018 zwischen Progressivität und Rückschritt

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (No Ratings Yet)
Loading...

USA: Pride Month 2018 zwischen Progressivität und Rückschritt

(Blogmensgo, schwuler Blog vom 10. Juli 2018) Ende Juni 2018 endete der Pride Month in den Vereinigten Staaten. Es lässt sich nicht alles kurz und bündig zusammenfassen, weil das Land so groß ist und die Akzeptanz von LGBT-Menschen nach wie vor sehr unterschiedlich ausfällt. Hier ein paar der Themen, die irgendwo zwischen ernst und anekdotisch einzuordnen sind.

LGBT-Stolz bis in die Overdrive-Bibliotheken

Die LGBT-Akzeptanz beginnt natürlich bei der Pädagogik und Bildung, warum Lehrer, Büchern und damit auch Bibliotheken so wichtig sind. In der Vergangenheit wurden Bücher aufgrund von Inhalten, die nicht dem heterosexuellen Standard entsprechen, häufig verboten oder aus dem Verkehr gezogen – aber das soll hier nicht das Thema sein.

In den USA nutzen Hunderte, wenn nicht sogar tausende Bibliotheken in Schulen, Unis und Kommunen das digitale und multimediale Bestandsverwaltungssystem Overdrive für die Ausleihe von e-Books, Hörbüchern, Zeitschriften und Streaming-Videos.

Bibliothekare und andere Nutzer des Diensts konnten kaum übersehen, dass der Juni 2018 in den USA Pride Month war: Über einen Monat lang lud ein unverwechselbares Banner auf der Homepage zum Ausleihen von Büchern mit LGBT-Themen ein.

LGBT-Banner von Overdrive

Overdrive macht Lust auf LGBT-Themen. (Screenshot)

Alle Arten von Belletristik und Sachbüchern wurden angeboten: Romane, Kurzgeschichten, Erzählungen, Geschichtsbücher, Essays und aktivistische Texte und auch eine Vielzahl an Hörbüchern.

LGBT-Banner von Overdrive

LGBT-Bücher: Alle Genres sind erlaubt! (Screenshot)

Overdrive hat nichts über den Erfolg der Operation und ihre Akzeptanz durch die Nutzer verlautbart. Nebenbei bemerkt ist Overdrive eine Tochtergesellschaft von Rakuten, einer japanischen Gruppe, die in ihrem Ursprungsland eine solche Initiative wohl kaum vorschlagen wird, weil dort die LGBT-Gleichberechtigung noch in den Kinderschuhen steckt.

Der Fußballer Collin Martin outet sich

Auch wenn in den USA nach American Football der europäische Fußball („Soccer“) erst an zweiter Stelle kommt: Mit Collin Martin (23) hat sich der erste Profi-Fußballer am 29. Juni 2018 als schwul geoutet. Seit zwei Jahren spielt er als Mittelfeldspieler bei Minnesota United FC, einem Verein der Major League Soccer (MLS) und hat sich dort kürzlich ein paar Stunden vor dem Spiel seiner Mannschaft für die „Pride Night“ öffentlich geoutet.

Tweet von Collin Martin

Collin Martin als Aktivist für den regenbogenbunten Fußballrasen. 🙂 (Screenshot)

Ein ganz besonderer Mittelfeldspieler

Minnesota United FC traf an diesem Abend auf den FC Dallas (und Dallas gewann). Collin Martin war zwar nur auf der Ersatzbank, aber trotzdem hat sein Coming-out die Menge gerockt, so dass die sportliche Dimension der Veranstaltung fast etwas in den Hintergrund gedrängt wurde.

Unmittelbar nach seinem Coming-out forderte Martin indirekt andere Profisportler auf, sich ebenfalls zu outen. Seine Team-Kollegen wussten schon „seit vielen Jahren“ Bescheid, ebenso wie seine Familie und Freunde, und das hat nie Probleme bereitet. Deshalb hielt er den Moment für sein Outing passend.

I have received only kindness and acceptance from everyone in Major League Soccer and that has made the decision to come out publicly that much easier.
Ich habe nur Freundlichkeit und Akzeptanz von allen in der Major League Soccer erhalten und das hat mir die Entscheidung, mich zu outen, so viel einfacher gemacht.

Nur ein geouteter Schwuler im Profisport in den USA?

Damit ist Collin Martin der erste und einzige amerikanische Profi-Fußballer, der sich noch während seiner aktiven Karriere geoutet hat. Sein Kollege Robbie Rogers hatte sich im Februar 2013 direkt nach seinem Rückzug aus dem Profi-Fußball geoutet. Ein paar Monate später kam er zum Profi-Fußball zurück, ist aber seit November 2017 endgültig im Ruhestand.

Bis heute hat sich kein Fußballnationalspieler weltweit während seiner aktiven Karriere geoutet – mit Ausnahme des britischen Fußballspielers Justin Fashanu, der jedoch nach einer Welle der Homophobie Selbstmord beging.

Schwule Profisportler, die sich in den USA in beliebteren Sportarten als Fußball outen, sind extrem selten. Das Coming-out des amerikanischen Basketballspielers Jason Collins machte 2013 Schlagzeilen, ebenso wie das des American Football-Spielers Michael Sam im Jahr 2014. Collins war zu der Zeit bereits am Ende seiner Karriere und Sam’s sportliche Karriere war nicht im Einklang mit seinem Talent. Beide zogen sich am Ende aus dem Profi-Sport zurück.

Wer ist Collin Martin?

Collin Martin ist also der einzige aktive und offen schwule MLS-Fußballspieler. Er ist sogar der einzige offen schwule Profi-Spieler innerhalb der fünf großen Sportligen der Vereinigten Staaten (Fußball, American Football, Baseball, Basketball, Eishockey).

Collin Martin

Collin Martin im Regenbogen-Trikot. 🙂 (Screenshot)

Martin gehörte früher zur nationalen Auswahl bei den Jugendmannschaften (U-14, U-15, U-17, U-20), war aber nie in der A-Nationalmannschaft. Er hat bei unterschiedlichen Vereinen gespielt und ist seit zwei Spielzeiten innerhalb der MLS bei Minnesota United FC (2017-2018).

Mit nur 33 Profi-Spielen in der MLS (plus 14 Spiele in der USL) und relativ kurzen Spielzeiten gehört er nicht zur absoluten Spitze. Allerdings verbringt er auch nicht seine ganze Zeit auf Sportplätzen, sondern studiert auch Geschichte und schreibt gerade eine Dissertation über den amerikanischen Bürgerkrieg.

Schon im Alter von 18-19 Jahren hat er sich gegenüber seinen Freunden und Geschwistern geoutet, aber erst mit 21 gegenüber seinen Eltern, die beide sehr religiös sind.

In einem langen und spannenden Interview mit Collin Martin von The Athletic erfahren wir, dass sich die Zahl seiner Follower auf Twitter nur fünf Tage nach seinem Outing verzehnfacht hat.

Warum outet sich ein Fußballspieler wie Collin Martin, trotz all dem Stress, der damit verbunden ist, und obwohl seine sportlichen Ergebnisse durchaus noch verbesserungsfähig sind? Bestimmt nicht als PR-Gag, sondern um sich (und andere) neu zu motivieren, das „Problem“ des Coming-outs im Spitzensport anzugehen, und letztlich um endlich die Ruhe zu finden, die für die Entwicklung seiner Karriere und seiner Sportergebnisse notwendig ist.

Wir wünschen uns, dass er der erste Fußballer der Welt wird, der nach seinem Coming-out in die Nationalmannschaft aufsteigt. Dafür wird er nach Ende des aktuellen Medienrummels aber wohl noch härter arbeiten müssen als bisher.

Wird der Oberste Gerichtshof jetzt (wieder) homophober?

Der konservative Richter Brett Kavanaugh, 53, wurde von Donald Trump zum Nachfolger von Anthony Kennedy, 81, nominiert, der im Juni 2018 als Richter am Obersten Gerichtshof zurücktrat. Der Senat muss die Nominierung von Trump noch bestätigen oder aber ablehnen.

Wenn Kavanaugh tatsächlich der neunte Richter des Bundesgerichtshofs wird, wird dies den höchsten amerikanischen Gerichtshof wieder auf die rechte Seite des politischen und sozialen Spektrums rücken, weil dann fünf konservative Richter nur vier progressiven Richtern gegenüberstehen werden. Sein Vorgänger Kennedy war einer der „wechselnden Richter“ der Institution, der trotz seiner konservativen Grundüberzeugungen manchmal progressiv stimmte.

Brett Kavanaughs Positionen gegenüber der LGBT-Gemeinschaft sind keineswegs nur ungünstig. Bisher war der frühere Richter am Berufungsgericht in Washington immer für die Gleichberechtigung von LGBT-Personen, insbesondere im Hinblick auf die Homo-Ehe.

Aber das Recht auf Ehe ist nicht die einzige Forderung der LGBT-Gemeinde, und Kavanaughs Nominierung ist gerade im Hinblick auf andere Themen beunruhigend. Zur Bestätigung hier eine Fernsehdebatte zu einem Prozess, aufgrund deren im Jahr 2010 das Verbot der Homo-Ehe in Kalifornien aufgehoben wurde:

Das Problem bei Kavanaugh ist sein Rückgriff auf religiöse Werte und Vorwände, um Entscheidungen zum Recht auf Abtreibung, zum Arbeitsrecht, dem Zugang zur Gesundheitsversorgung und weitere zu rechtfertigen.

Wird Kavanaugh unter „religiösen“ Vorwänden einem Arbeitgeber die Entlassung eines Angestellten erlauben, nur weil er schwul ist? Oder einem Versicherer, ein lesbisches Paar nicht zu versichern? Oder einem Pensionsfonds, der einem gleichgeschlechtlichen Ehepartner die Hinterbliebenenrente verbietet? Das werden wir wohl erst im Laufe der Zeit sehen.

Die Human Rights Campaign (HRC) fordert den Senat auf, die Ernennung von Brett Kavanaugh abzulehnen, vor allem aufgrund seiner Positionen zur Anstellung von Transgender-Personen beim Militär und im Hinblick auf die sonstige Diskriminierung von LGBTQ-Personen.

Kommentar: Selbst wenn der Senat die Ernennung von Brett Kavanaugh ablehnt, ist es gut möglich, dass Donald Trump einen noch konservativeren Kandidaten vorschlägt. Dann ist auch nichts gewonnen.

YouTube entschuldigt sich für den Anschein von Homophobie

Am letzten Tag des Pride Month rühmte sich YouTube auf Twitter der „LGBTQ-Stimmen auf [seiner] Plattform und der wichtigen Rolle, die [sie] im Leben junger Menschen spielen“.

Direkt danach, aber in viel kleineren Buchstaben, bekannte YouTube…

Leider hatten wir auch Probleme, bei denen wir die LGBTQ-Community enttäuscht haben: Mit unangemessenen Werbeanzeigen und Bedenken zu unserer Einnahmepolitik.

Offensichtlich haben drei verschiedene Probleme die Blogger-Community auf YouTube beeinflusst:

  1. Unangenehme kontextbezogene Werbung. Zum Beispiel, neben einem LGBT-Vlog, Spots, die LGBT-kritisch oder sogar völlig homophob sind.
  2. Eine weniger sichtbare Verlinkung von Videos mit LGBT-Themen (Sexualität, Coming-Out, Gesundheit & Wohlbefinden, Alltag von Trans-Personen, usw.), oder sogar die Löschung von solchen Links ohne Vorankündigung.
  3. Ein Ende der Aufteilung der Werbeeinnahmen zwischen YouTube- und LGBT-Kunden, wiederum ohne Vorankündigung.

Diese drei Dinge waren entweder auf Computerfehler (Softwarefehler, schlechte Algorithmen, unpassende Einstellungen) oder menschliche Fehler zurückzuführen. YouTube gibt hierzu keine nähere Auskunft, will aber zwischenzeitlich entsprechende Maßnahmen ergriffen haben und entschuldigt sich etwas halbherzig:

We’re sorry and we want to do better.

Kommentar: Wenn wir das nur alles richtig verstehen, ist YouTube also ein Opfer seiner eigenen Algorithmen… oder wie? Und natürlich hat das mit Homophobie nichts zu tun. Dann nennen wir es halt Inkompetenz. Das alles erinnert ein bisschen an damals, als Google Translate homophobe Übersetzungen anbot

Wolfgang / MensGo

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This Blog will give regular Commentators DoFollow Status. Implemented from IT Blögg