Ist das Theater heute endlich LGBT-freundlicher?

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Ist das Theater heute endlich LGBT-freundlicher?

(Blogmensgo, schwuler Blog vom 27. September 2018) Seit einigen Jahren gibt es in jeder neuen Theatersaison diverse Stücke mit LGBT-Themen. Diese Tendenz ist steigend und betrifft nicht allein Nischenproduktionen. Es gab einige sehr wichtige Produktionen wie schon 1994 Love! Valour! Compassion! von Terrence McNally oder 1993 Angels in America von Tony Kushner, aber das waren einzelne Tropfen der Homophilie in einem Meer von Homophobie. Komödien wie Jean Poirets La Cage aux folles (Ein Käfig voller Narren) betrachten wir hingegen eher als homophoben Kitsch. Jedenfalls kann man feststellen, dass Theaterregisseure heute gerne auch Stücke mit schwullesbischer Thematik ins Programm nehmen. Regisseure inszenieren sie, Schauspieler spielen sie und die Öffentlichkeit kommt und genießt sie. Nachfolgend sind einige der Shows aus der Saison 2018-2019 aufgeführt.

Inhalt

Avignon 2018: Heiß, schwul und transsexuell

Dieser Sommer war zu heiß, um das Festival von Avignon 2018 zu besprechen. Es wird vom französischen Dramatiker Olivier Py geleitet, der sowohl mit seinem katholischen Glauben als auch seiner Homosexualität sehr offen umgeht.

Olivier Py

Olivier Py auf dem Titel von Transfuge. © transfuge.fr

Die Stücke mit LGBT-Konnotation waren dieses Jahr ziemlich zahlreich vertreten und genossen eine gute Medienpräsenz. Hier ein paar der Stücke zur Auswahl:

Senecas Thyestes, neu inszeniert von Thomas Jolly

Eines der Aushängestücke in Avignon war Senecas klassische Tragödie Thyestes, unter der Regie von Thomas Jolly.

Thomas Jolly

Thomas Jolly auf dem Titel von Télérama. © telerama.fr

Im Prinzip hat das Stück nichts mit Homosexualität zu tun. Allerdings hat es der Schauspieler und Regisseur Thomas Jolly im heißen Avignon wieder zum Leben zu erweckt. In einem Interview mit Télérama sagte Jolly die folgenden, sehr persönlichen, aber auch universellen Worte:

J’étais arrivé à l’école et au collège sans crainte, mais les moqueries ont commencé. Mes parents ne m’avaient pas enseigné les codes, ils avaient laissé s’épanouir ma part féminine. « Pédale » ? Je ne savais même pas ce que ça voulait dire. J’ai résisté comme j’ai pu au harcèlement, au racket. La souffrance des enfants, je connais. Alors je me suis inventé un monde.
(Ich war ohne Sorgen in die Schule und ans Gymnasium gekommen, wo die Verhöhnung dann begann. Meine Eltern hatten mich nicht vorgewarnt, sondern hatten meinen weiblichen Teil gedeihen lassen. „Schwuler“? Ich wusste nicht einmal, was das bedeutete. Ich widersetzte mich so weit ich konnte der Belästigung, den Schlägereien. Ich kenne das Leiden der Kinder. Also habe ich eine Welt für mich selbst erfunden.)
(Thomas Jolly, in Télérama vom 30. Juni 2018)

Wir zitieren hier noch einen Sinnspruch von Thomas Jolly:

C’est quand la pensée est arrêtée que la violence surgit.
(Wenn der Gedanke aufgehört wird, entsteht Gewalt.)
(Thomas Jolly, in Télérama vom 30. Juni 2018)

Phia Ménard und Mathilde Daudet, transgender im Leben und auf der Bühne

In der gleichen Sonderausgabe von Télérama zu Avignon über Dramatiker und Stücke mit LGBT-Thematik wurde auch das Stück Saison sèche der Transgender-Künstlerin Phia Ménard erwähnt, die Folgendes sagte:

Je n’ai choisi ni mon sexe, ni ma couleur, ni d’être hétéro, homo ou trans. Dans ces conditions-là, il faut accepter que chacun se développe à sa manière et pour le bien de la société, plutôt que mettre l’individu dans une case où il cultivera son malaise.
(Ich habe mir weder mein Geschlecht, noch meine Hautfarbe herausgesucht, noch ob ich hetero, schwul oder transsexuell sein wollte. Deshalb ist es notwendig zu akzeptieren, dass sich jeder auf seine Weise und zum Wohle der Gesellschaft entwickelt, anstatt den Einzelnen in eine Kiste zu stecken, in der er sein Unbehagen zu pflegen hat.)
(Phia Ménard, in Télérama vom 30. Juni 2018)

Zum gleichen Thema hier der sehr schöne Satz der Transgender-Autorin Mathilde Daudet, deren autobiographische Geschichte Choisir de vivre nun als Theaterstück adaptiert wurde:

La transition de genre est un tamis à cons : seuls les meilleurs restent après avoir vu la créature…
(Die Geschlechtsumwandlung ist ein doofes Sieb: Nur die Besten bleiben, nachdem sie die Kreatur gesehen haben…)
(Mathilde Daudet, in Télérama vom 30. Juni 2018)

Aktualisierung vom 17. August 2019: Die Ausgabe 18 der französischen Kulturzeitschrift Théâtre(s) (Sommer 2019) widmet Phia Ménard das Titelbild und einen 20-seitigen Artikel.

Titelseite von Théâtre(s)

Phia Ménard, © Théâtre(s)

Das sehr empathische Interview der Journalistin Anne Quentin mit Phia Ménard hat einige Bezüge zum Thema unseres Blogs, darunter die folgenden beiden Teile:

Théâtre(s) : Aussi bien que les genres artistiques, et parce que vous mêlez la vie et l’art, on vous identifie encore comme artiste transgenre. Cela vous satisfait ?
Phia Ménard : C’est parce que passer d’un corps à un autre dans notre société n’est pas banal, sinon, cela n’aurait aucune importance. Mais la société n’en est pas là. Elle commence tout juste à comprendre qu’elle est hétéropatriarcale, alors il reste un sacré bout de chemin. Pourtant, on ne choisit pas sa sexualité donc la question de savoir comment on devient homo est nulle et non avenue, parce qu’on ne devient pas hétéro.
Théâtre(s): Neben künstlerischen Genres und weil Sie Leben und Kunst vermischen, werden Sie immer noch als Transgender-Künstlerin identifiziert. Sind Sie damit zufrieden?
Phia Ménard: Das kommt davon, dass der Wechsel von einem Körper zum anderen in unserer Gesellschaft nicht alltäglich ist, sonst wäre es unwichtig. Aber die Gesellschaft ist noch nicht so weit. Sie fängt gerade erst an zu verstehen, dass sie heteropatriarchalisch ist, und der Weg ist noch lang. Wir suchen uns aber unsere Sexualität nicht aus, so dass die Frage, wie wir schwul werden, keine Bedeutung hat, weil wir auf keinen Fall plötzlich heterosexuell werden.
(in Théâtre(s) Nr. 18, Sommer 2019)

Im weiteren Verlauf des Interviews erklärt Phia Ménard einige der Konvergenzen zwischen Feminismus und Transgender-Aktivismus:

J’attends le jour où les hommes et les femmes vont refuser l’assignation à un sexe. Le moment où le neutre sera reconnu comme une possibilité de se définir. C’est un acte fort, s’exclure de la binarité. Créer une troisième possibilité. Le jour où on reconnaîtra un corps neutre comme ça a déjà été le cas dans un tribunal, il y aura un moment où les deux qui n’ont pas le pouvoir, les femmes et les neutres, vont s’associer. Et alors le renversement sera possible. Et puis cette valorisation de la force masculine est aussi compromise. Dans le monde du travail, les robots remplacent déjà certains emplois pénibles, dangereux. La force musculaire est en désuétude.
Ich warte auf den Tag, an dem sich Männer und Frauen weigern werden, einem Geschlecht zugeordnet zu werden, den Moment, in dem der „divers“ als Chance erkannt wird, sich selbst zu definieren. Es ist ein starker Akt, die Binarität zu beenden und eine dritte Möglichkeit zu schaffen. An dem Tag, an dem wir einen geschlechtslosen Körper anerkennen, wie es bereits die Gerichte getan haben, werden Frauen und Intersexuelle, die beiden machtlosen Instanzen in der Gesellschaft, ihre Kräfte bündeln, und dann wird ein Veränderung möglich sein. Zugleich wird dann auch die Vorherrschaft des Männlichen gefährdet sein. In der Arbeitswelt ersetzen Roboter bereits Menschen bei vielen schwierigen oder gefährlichen Aufgaben. Die Muskelkraft verliert an Bedeutung.
Phia Ménard

 

Change Me: Ein Zusammentreffen dreier Menschen zur Transidentität

Welche Verbindung besteht zwischen dem römischen Dichter Ovid, dem französischen Schriftsteller Isaac de Benserade und dem amerikanischen Transgender-Mann Brandon Teena? Transidentität, und zwar von der Geburt als Mädchen bis zu einer männlichen Identität in allen drei Fällen. Bei Ovid und Benserade außerdem weibliche Homosexualität.

Camille Bernon (eine der Performerinnen) und Simon Bourgade verflechten in ihrer Inszenierung einerseits Referenzen zum Mythos von Iphis und Ianthe aus Ovids Metamorphosen (Buch IX, Verse 666-797), den Isaac de Benserade in seiner Komödie Isis et Iante (sic) wieder aufgenommen hat, und andererseits zum Leben von Brandon Teena (der 1993 im Alter von 21 Jahren vergewaltigt und ermordet wurde). Dazu wurden Elemente aus dem Dokumentarfilm The Brandon Teena Story von Susan Muska und Greta Olafsdottir entnommen, anstatt aus Kimberly Peirces Biopic Boys Don't Cry.

Hier ist ein Teaser, aufgenommen von einer sehr stark bewegten Kamera…

Es handelt sich hier also nicht um ein Stück ohne Tiefe oder Perspektive. Vielmehr erscheint das Nebeneinander historisch und geografisch heterogener Elemente hier als sehr sinnvoll.

Man kann sehr gespannt auf dieses Stück sein, das zum Beispiel am 22. November 2018 im neuen Theater in Cachan aufgeführt wird.

Hier ein zweiter Teaser, mit ruhigerer Hand gedreht, aber mit kontinuierlichem Ton, auf den man sich gut konzentrieren sollte:

Im Theater Paris-Villette ist am 26. und 27. September 2018 Change Me zu sehen.

Hier ein sehr schönes Pressefoto aus dem Cachan-Theater.

Change Me (photo de presse)

Change Me.Die Zeiten ändern sich – die Menschen auch. © theatrejacquescarat.fr

Ein schwules Paar im Musical Company

Company, das Musical des amerikanischen Komponisten und Texters Steven Sondheim, wird nun in Großbritannien wiederbelebt, mit einem schwulen Paar unter den Rollen, die in der Originalversion von 1970 nicht vorhanden waren.

Die britische Theaterdirektorin Marianne Elliott hatte Änderungen des Stücks vorgeschlagen, die Steven Sondheim zunächst nicht gefielen. Nachdem Sondheim aber Auszüge aus den Proben seines modifizierten Werks gesehen hatte, war er davon begeistert.

Man muss sagen, dass Elliott einige ungewöhnliche Änderungen vorgeschlagen hat. So wird der Charakter von Bobby durch eine weibliche Figur namens Bobbi ersetzt. Noch mutiger ist die Ersetzung von Amys Figur durch Jamie, aber mit dem gleichen Verlobten, Paul.

Das heterosexuelle Paar wird also in der Londoner West-End-Version durch ein schwules Paar ersetzt. Sondheim hat sogar in Zusammenarbeit mit Elliott das Drehbuch und die Texte überarbeitet, so dass das Publikum auch einem gleichgeschlechtlichen Paar im Gielgud-Theater applaudieren kann, wo das Musical vom 26. September bis 22. Dezember 2018 stattfindet.

Übrigens hat Marianne Elliott in diesem Jahr einen Leuchtturm des LGBT-Repertoires mitproduziert, nämlich Tony Kushners Angels in America.

Die Komödie Oklahoma! kehrt in den LGBT-Modus zurück

Fünfundsiebzig Jahre nach seiner Premiere in den Vereinigten Staaten ist das von Oscar Hammerstein geschriebene Musical Oklahoma! – nach einem Stück von Lynn Riggs und mit Musik von Richard Rodgers – Gegenstand von zwei überraschend unterschiedlichen Wiederaufnahmen der Originalproduktion.

Die von Bill Rauch inszenierte Version ist vom Oregon Shakespeare Festival bis zum 27. Oktober 2018 geplant. Diese Wiederaufnahme, die seit dem 18. April im Angus Bowmer Theatre aufgeführt wird, hebt sich durch seine Handlung und Besetzung vom Originalwerk ab.

Wie erwartet wird die Liebesgeschichte von Laurey (Royer Bockus) und Curly erzählt, außer dass Curly eine Schauspielerin (Tatiana Wechsler) und kein Schauspieler ist und dass die heterosexuelle Beziehung zu einer lesbischen wird. Auch die Liebesaffäre zwischen Ado Annie und Will spielt in der überarbeiteten Version zwischen Ado Andy (Jonathan Luke Stevens) und Will (Jordan Barbour), also zwischen zwei Männern.

Hier der Trailer zu diesem Stück, der einem Lust macht, diese Show trotz eines gewissen Kitschgehalts anzusehen:

Nach einem ersten Moment der Verblüffung las der Vertreter der Rechteinhaber, Ted Chapin, den überarbeiteten Text und genehmigte die schwullesbische Wendung dieses Werkes, das bereits die Konventionen seiner Zeit erschüttert hatte.

I just kept looking at it, thinking, man, you couldn’t have done this five years ago.
(Ich schaute es mir lange an und dachte, Mann, das hättest du vor fünf Jahren nicht bringen können. – Ted Chapin, in American Theatre vom September 2018.)

Aber warum wurde eine Hetero-Liebe in schwule Liebe verwandelt? Bill Rauch, der seit 33 Jahren mit seinem Partner zusammenlebt, erklärt, dass seine Liebe zu Musicals in jungen Jahren durch ihre konstante Heterosexualität enttäuscht wurde. Die Übertretung erfolgte zunächst nach Rasse (mit Darstellern, deren Hautfarbe nicht der der Rolle entsprach), dann nach Geschlecht (mehr weibliche oder feminisierte Rollen) und schließlich nach sexueller Orientierung. Das erklärt Bill Rauch unter anderem in diesem Interview:

Dass diese Show nun von Bill Rauch geleitet wird, erscheint logisch, denn Lynn Riggs, der Autor des Originalstücks (Green Grow the Lilacs), war selbst homosexuell.

Die Turing-Maschine, empathisch und jubelnd

Benoit Solès ist Schauspieler und Dramatiker. Der Dramatiker hatte bereits die Gelegenheit, in seinem Stück Call Me Tennessee eine weitere schwule Ikone zu erwähnen, Tennessee Williams. Der Schauspieler, der der Öffentlichkeit vor allem durch seine vielen Rollen in Filmen und Fernsehserien bekannt ist, zeichnet sich durch sein wohlwollendes und sympathisches Gesicht aus – obwohl er in Paris für eine rechte Partei wirbt.

Die Turing-Maschine

Amaury de Crayencour (li.) und Benoit Solès (re.): 1 + 1 = 4 (oder sogar 5). © Fabienne Rappeneau

Benoit Solès ist sowohl Hauptdarsteller als auch Autor der Die Turing-Maschine, einem Stück von Tristan Petitgirard. Im Juli 2018 wurde es bereits in Avignon gezeigt, und vom 4. Oktober bis 30. November wird es im Michel-Theater gespielt.

Vier Charaktere werden auf der Bühne von nur zweien dargestellt: Alan Turing, gespielt von Benoit Solès, und drei weitere Charaktere, die sein Leben geprägt haben, alle gespielt von einem weiteren Schauspieler.

Worum geht es? Homosexualität ist in dem Stück zwar nur ein Element, aber trotzdem wichtiger als die anderen. Turing war eines der größten Genies seiner Zeit, und er war schwul. Die Homophobie der englischen Gesellschaft führte ihn am Ende in den Selbstmord. Die Handlung des Stücks funktioniert wie ein Kaleidoskop und kombiniert drei unterschiedliche biographische Elemente zu einem vierten narrativen Element.

Kurz gesagt, ein Stück für jedermann, in dem jeder etwas zum Nachdenken findet, entsprechend seiner eigenen Perspektive und Denkweise.

Aktualisierung vom 15. Mai 2019: Die Verleihung der Molière-Preise – das französische Pendant zu den Tony Awards – wurde in ihrer Ausgabe 2019 vom Stück Die Turing-Maschine dominiert, die nach vier Nominierungen auch alle vier Preise eingeheimst hat:

  • Molière für den lebenden französischsprachigen Autor: Benoit Solès, für Die Turing-Maschine
  • Molière für private Theater: Die Turing-Maschine
  • Molière für den Regisseur eines privaten Theaters: Tristan Petitgirard, für Die Turing-Maschine
  • Molière für den besten Schauspieler eines privaten Theaters: Benoit Solès, für Die Turing-Maschine

Mit anderen Worten: Bester Autor, bestes Stück, bester Regisseur und bester Hauptdarsteller.

Zur Feier dieses vierfachen Gewinns hier der Werbefilm für das Stück – mit Benoit Solès in dieser Paraderolle…

 

In Pourvu qu'il soit heureux („Wenn es ihn glücklich macht“) erinnert Laurent Ruquier an das (bzw. sein?) Coming-out

Die aktuelle Ausgabe des französischen Kulturmagazins L'avant-scène théâtre von Mitte September 2018 berichtet über Pourvu qu'il soit heureux, das neue Stück von Laurent Ruquier. Der französische Moderator, Komiker und Dramatiker bespricht das Thema Coming Out wie es nicht vom Betroffenen selbst, sondern von den Eltern erlebt wird.

Das offensichtlich sehr autobiographische Stück wird bis zum 30. Dezember 2018 in Paris im Théâtre Antoine aufgeführt. Je nach Spieltag kostet ein Platz zwischen 20 und 61 Euro.

Christophe Honoré lässt Les Idoles in der Schweiz und Frankreich wieder aufleben

Wenn wir schon über französische Dramatiker sprechen, können wir einen der berühmtesten, Christophe Honoré, nicht ignorieren, dessen Stück Les Idoles vom 13. bis 22. September 2018 im Theater Vidy-Lausanne in der Schweiz aufgeführt wird. Im Folgemonat und bis Februar 2019 wird das gleiche Stück auf Tournee durch Frankreich gehen.

Les Idoles

Les Idoles von Christophe Honoré (Probenfoto). © Jean-Louis Fernandez

Welche Idole sind das? Zu denjenigen, die die Jugend von Christophe Honoré vor seinem Tod an AIDS verzaubert haben: die Schriftsteller Bernard-Marie Koltès, Jean-Luc Lagarce und Hervé Guibert, die Filmemacher Cyril Collard und Jacques Demy sowie der Kritiker Serge Daney.

Aktualisierung vom 15. Mai 2019: Marina Foïs gewann den Molière 2019 als beste Schauspielerin in einem Stück eines privaten Theaters für ihre Interpretation als Hervé Guibert in Les idoles von Christophe Honoré. Harrison Arévalo hat jedoch den Molière als bester Nachwuchsschauspieler 2019, für den er nominiert worden war, nicht gewonnen.

 

Milo Rau verwandelt ein homophobes Verbrechen in ein Kunstwerk

Der Schweizer Dramatiker und Regisseur Milo Rau steht hauptsächlich für „dokumentarisches Theater“, häufig über Mord oder Völkermord. Diesmal thematisiert er in Lüttich die Folterung und Ermordung eines 32-jährigen schwulen jungen Mannes, Ihsane Jarfi, in einem Stück mit dem Titel Die Wiederholung – Histoire(s) du théatre (I).

Die Wiederholung

Die Wiederholung von Milo Rau. Jenseits des üblichen Theaters. © Michiel Devijver

Dieses eindeutig homophobe Verbrechen hatte 2012 in ganz Belgien Schrecken ausgelöst. Milo Rau und der Bühnenbildner Anton Lukas restaurieren es mit einer Akribie, die ohne die metatheatralische Dimension unerträglich wäre: Der Mord wird auf der Bühne gefilmt, die Schauspieler hinterfragen ständig ihre Rolle und das Ereignis, das sie wiederherstellen.

Man konnte das Stück schon im Mai in Brüssel und im Juli während des Theaterfestivals von Avignon 2018 sehen. Vom 22. September bis 5. Oktober 2018 wird es im Rahmen des Festival d'automne im Théâtre des Amandiers auf Niederländisch und Französisch aufgeführt.

Desasterkids bringt deutschen Metalcore nach vorne

Eine Metal-Band, die „die perfekte Symbiose aus zeitgenössischem Modern Rock und einer Prise Old School Hardrock…“

Es sind nicht die Scorpions aus Hannover, sondern eine alternative Metalcore-Gruppe, die „den Druck und die Probleme der Metal-Szene ablehnt“, die von weißen Männern dominiert wird…“ – die Desasterkids aus Berlin.

Desasterkids

Desasterkids, vier tätowierte Männer. (Photo mit freundlicher Erlaubnis von Red Toad Music)

Die Gruppe hat Anfang August 2018 ihr zweites Album Superhuman veröffentlicht und die ersten Termine ihrer Sommertournee bis Ende September 2018 bekanntgegeben: Hannover, Wiesbaden und Berlin.

Hier der offizielle Videoclip zum Song „Oxygen“:

Irgendwie ist es eine Mischung aus Motörheads Heavy Metal, Public Image Limited's Avantgarde-Punk, Nirvanas Grunge und Glam-Rock wie AC/DC oder Def Leppard.

Der Unterschied zu den anderen Metalcore-Bands besteht darin, dass die vier Berliner im Wind (Andi Phoenix, Iain Duncan, Max Rosenthal und Tommy Hey) nicht nur Riffs, Dezibel und Testosteron in ihre Songs sprühen. Sie sprechen auch über Mode und Homosexualität.

Ihr letztes Album spricht viel über Unterdrückung, wackeliges Selbstwertgefühl, Konfrontation, Irreführung, Zerissenheit und Zerbrechen, aber auch von Selbstbestätigung und Stolz.

Just Scream and shout
The choice is yours to make you proud
Just let it out
Because we are the here and now
Desasterkids, in „Here and Now“ (aus dem Album Superhuman)

Für eine bessere Vorstellung ist hier auch „Break Me“, der erste Song des Superhuman-Albums, mit etwas mehr Elektro- und R&B-Akzenten.

Wer mehr von ihnen hören will, kann ihr Album hier bestellen (wir bekommen keine Provision).

Terrence McNally hat das letzte Wort

Da dieser lange Beitrag mit der Erwähnung von Terrence McNally begonnen hat, ist ein Zitat desselben Dramatikers an dieser Stelle passend. Im Vorwort zu seinem berühmtesten Werk Love! Valour! Compassion! schreibt er die folgenden Worte:

The time has come to speak about gay theatre. Fortunately, that’s a phrase you don’t hear much anymore. Unfortunately, there was a time when that’s pretty much all that was said about a play if the characters and/or the playwright were out. Theatrical excellence or originality of mind were not held up for critical scrutiny if the play and its author could be labeled as gay. Rather, these plays and their playwrights were swept into a collective dust heap and marginalized as theatre written by a minority for a minority.
(Es ist an der Zeit, über schwules Theater zu sprechen. Glücklicherweise ist dies ein Ausdruck, den wir kaum noch hören. Leider gab es eine Zeit, in der das alles war, was über ein Stück gesagt wurde, wenn die Charaktere und/oder der Dramatiker offen schwul waren. Die Qualität des Theaters oder die Originalität der Ideen wurden bei der kritischen Prüfung nicht berücksichtigt, wenn das Stück und sein Autor als schwul betitelt wurden. Stattdessen wurden diese Stücke und ihre Dramatiker auf einen kollektiven Dreckhaufen gekehrt und marginalisiert als Theater von einer Minderheit für eine Minderheit.)
Terrence McNally, preface to Love! Valour! Compassion, 2015

Die Zeiten scheinen sich in nur zwei Jahrzehnten doch deutlich verändert zu haben.

Heute zögern viele öffentliche und private, sowohl bekannte als auch avantgardistische Theater nicht mehr, Stücke ins Programm zu nehmen, welche die Geschlechterrollen hinterfragen, Rollen vertauschen oder Andersartigkeit betonen. Die verbittertsten Gegener sehen darin einfach nur einen weiteren Exzess nach den postmodernen, verrückten oder ikonoklastischen Inszenierungen der Vergangenheit.

Die Kritik bezieht sich nicht mehr auf Schwule und Lesben, die Theaterstücke schreiben, sondern auf Theaterkünstler, die halt zufällig auch schwul oder lesbisch sind – wobei ihre sexuelle Orientierung heute meist bekannt aber für die Kritiker und die Öffentlichkeit im Grunde irrelevant ist.

Wolfgang / MensGo

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