LGBT in Indien: Bollywoods erster (zaghafter) Versuch

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LGBT in Indien: Bollywoods erster (zaghafter) Versuch

(Blogmensgo, schwuler Blog vom 23. Januar 2019) Vier Monate nach der Entkriminalisierung der Homosexualität in Indien beginnt die Film- und Fernsehindustrie vor Ort, LGBT-Themen aufzugreifen. Wie anderswo auch stellen sich Medien und Drehbuchautoren in Indien mehr oder weniger offen, aber jedenfalls zunehmend auf solche gesellschaftlichen Veränderungen ein. So kommt jetzt zum ersten Mal in der Geschichte von Bollywood ein hoch dotierter und gut besetzter Musikfilm mit zaghaften LGBT-Anklängen in die Kinos. Zaghafte erste Schritte, mehr ist es im Moment noch nicht – aber immerhin.

 

Eine etwas tolerantere Gesellschaft

Die erste Auswirkung der Entkriminalisierung der Homosexualität durch den indischen Obersten Gerichtshof am 6. September 2018 bestand darin, Menschen zu ermutigen, vor Gericht ihre Rechte als LGBT-Personen geltend zu machen. Bisher wurden solche rechtlichen Fragen ohne Bezugnahme auf die sexuelle Orientierung oder die Geschlechtsidentität der Kläger gemacht, aber heute ist der „LGBT-Status“ bei den Anträgen und Klagen zunehmend von Bedeutung.

Ebenfalls ein Zeichen der Zeit: Die Werbung (und zwar nicht nur die der ausländischen multinationalen Unternehmen) richtet sich zunehmend direkt an LGBTQ-Kunden, teilweise noch etwas versteckt, aber manchmal auch sehr explizit.

Auch die Politik beginnt, sich sehr langsam für weniger heterosexuelle Themen zu öffnen. So wurde Apsara Reddy, eine Transgender-Politikerin, Fernseh- und Printjournalistin, am 8. Januar 2019 zur Generalsekretärin des All India Mahila Congress (AIMC) ernannt, dem Frauenflügel des Indian National Congress (INC). Diese Mitte-Links-Partei der Familie Gandhi ist heute die größte Oppositionspartei nach Anzahl der Sitze im Unterhaus des Parlaments (Lok Sabha). Apsara Reddy nutzt ihre lokale und internationale Bekanntheit, um für Toleranz gegenüber Transsexuellen und gegenüber der gesamten LGBT-Gemeinschaft zu predigen und erklärt, die Zugehörigkeit zu einer Minderheit nichts Ungewöhnliches ist.

 

Überreste von Stigmatisierung

Die Nominierung von Apsara Reddy erfolgte wenige Tage nach der parlamentarischen Verabschiedung des Gesetzes zum Schutz von Transgender-Menschen (Transgender Protection Act 2016) Mitte Dezember 2018. Reddy und ihre Partei kritisieren dieses Gesetz in diesen vier wichtigen Punkten:

  • Transgender-Personen werden praktisch ausschließlich biologisch definiert;
  • Transgender-Personen dürfen ihre eigene Geschlechtsidentität nicht selbst bestimmen sondern benötigen dafür eine amtliche Bescheinigung;
  • Im Gegensatz zu den Bestimmungen des Gerichtsurteils sind im Bildungsbereich und öffentlichen Dienst keine Stellen für Transgender-Minderheiten vorgesehen;
  • Aus all diesen Gründen marginalisiert das Gesetz die ohnehin sehr gefährdete Gruppe der Transgender-Personen weiter.

Einer der Änderungsanträge definiert eine Transgender-Person wie folgt:

[A transgender person is someone] whose gender does not match the gender assigned to that person at birth and includes trans-men or trans-women, persons with intersex variations, gender-queers, and persons having socio-cultural identities such as kinnar, hijras, aravani and jogta.
[Eine Transgender-Person] ist jemand, dessen Geschlecht nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das dieser Person bei der Geburt zugewiesen wurde. Dies umfasst Trans-Männer, Trans-Frauen, Personen mit intersexuellen Variationen, Gender-queers und Personen mit soziokulturellen Identitäten wie Kinnar, Hijras, Aravani und Jogta umfasst.

Jedenfalls erkennt die Öffentlichkeit heute, dass homosexuelle Beziehungen nicht in erster Linie eine Frage des Geschlechts, sondern eine Frage der Liebe sind. Zwei Schwule oder zwei Lesben können ein Paar bilden, das genauso romantisch ist wie ein heterosexuelles Paar. Ebenso beginnen die Inder zu erkennen, dass Geschlechtsidentität und sexuelle Identität nicht in Stein gemeißelt sind.

 

Bollywood wird queer!

Schriftsteller haben nur darauf gewartet, ihre Drehbücher entsprechend anzupassen und eine unerwartete Wendung einzubringen, zumindest in Bezug auf die Gewohnheiten der Zuschauer.

So wurde am 1. Februar 2019 eine romantische Komödie von Shelly Chopra Dhar mit dem Titel Ek Ladki Ko Dekha Toh Aisa Laga (Was ich fühlte, als ich dieses Mädchen sah) veröffentlicht, geschrieben von Transgender-Autorin Gazal Dhaliwal. Kurz gesagt ist es die Geschichte eines jungen Mannes, der eine junge Frau liebt, die nicht auf Männer steht. Der offizielle Trailer (Hindi mit englischen Untertiteln) enthüllt jedoch fast nichts von der lesbischen Thematik.

Auch der Clip zur Veröffentlichung des Film-Soundtracks ignoriert die homosexuelle Dimension des Films fast vollständig.

Immerhin ist dies der erste indische Film mit homosexuellen Handlungssträngen für ein sehr großes Publikum – aufgrund seines kolossalen Budgets, der renommierten Produktionsfirma (Fox Star Studios) und seiner prestigeträchtigen Besetzung (der stattliche Rajkummar Rao, der die schöne Sonam Kapoor liebt, Anil Kapoors Tochter im Film und im wirklichen Leben) – auch wenn der Trailer es nicht wirklich zeigt.

Auch der Slogan zum Film ist nicht viel deutlicher:

Accept love for what it is.
(Nimm die Liebe wie sie ist.)

Dieser Spielfilm mit Vater und Tochter Kapoor ist zwar nicht der erste in Indien, der schwule oder lesbische Charaktere zeigt. Aber bei den indischen Zuschauern sind Anil und Sonam Kapoor überaus bekannt. Der Unterschied zwischen einem Low-Budget-Film mit unbekannter Besetzung und einem Film mit Stars auf dem Plakat ist die potentielle Begeisterung des Publikums, die bei Shelly Chopra Dhar's Film und seinen Stars seit mehr als sechs Monaten ganz hohe Wellen schlägt.

Sridhar Rangayan ist Regisseur und Produzent mit viel expliziteren LGBT-Themen. Er machte sich 2006 mit dem Kurzfilm The Pink Mirror einen Namen, dessen Geschichte von zwei Drag-Queens, einer Trans-Frau und einem schwulen Teenager erzählt. Sein neuester Film Evening Shadows, der 2018 veröffentlicht wurde und mehrere Festivalpreise erhielt, erzählt die Geschichte vom Coming-out eines jungen schwulen Mannes und seiner Familie. Im Unterschied zu Bollywood-Blockbustern sind Sridhar Rangayan und seine Filme viel weniger bekannt und erhalten daher nicht die Aufmerksamkeit, die sie von den Medien und der Öffentlichkeit verdienen.

Letztlich spielt es aber spielt keine Rolle, ob es sich um einen Blockbuster oder um einen Independent-Film handelt: Beide bringen die indische Gesellschaft voran.

Wolfgang / MensGo

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