Farbe bekennen – vier Beispiele dafür

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Farbe bekennen – vier Beispiele dafür

(Blogmensgo, schwuler Blog vom 19. Mai 2019) Vier verschiedene Aktionen, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, aber allesamt darauf abzielen, die Wahrnehmung von Homosexualität zu verbessern und gegen Homophobie anzugehen: Das amerikanische Nachrichtenmagazin Time und das französische Sportjournal L’Équipe Magazine wollen mehr homosexuelle Paare auf der Titelseite zeigen, die kanadische Regierung gibt Münzen zur Erinnerung an die Entkriminalisierung der Homosexualität heraus und Transport for London (TfL, die Gesellschaft für den Nahverkehr in London) will keine Anzeigen aus Ländern mehr zulassen, in denen Homosexualität unterdrückt wird.

Welche dieser vier Initiativen ist die mutigste? Welche davon wird den größten Einfluss auf die Menschen haben? Und welche wird letztlich die LGBT-Gemeinschaft am stärksten positiv beeinflussen?

Die Kapitel im Überblick:

Pete Buttigieg und sein Mann auf der Titelseite von Time Magazine

Das Time Magazine vom 13. März 2019 hat auf dem Titel seiner amerikanischen (aber nicht der internationalen Ausgabe) eine mögliche zukünftige First Family – also das Paar, das nach den kommenden Präsidentschaftswahlen vielleicht einmal den Platz von Donald Trump und seiner Frau einnehmen könnte.

Pete und Chasten Buttigieg

Die US-Präsidentschaft im Rampenlicht, mit Pete Buttigieg (rechts) und seinem Mann Chasten auf der Titelseite. © Time

Auf dem Titelbild sieht man ein männliches Paar Arm in Arm, nämlich den Politker Pete Buttigieg und seinen Mann Chasten Buttigieg (geb. Glezman). Derzeit ist Buttigieg „nur“ ein Bürgermeister, der als Präsidentschaftskandidat antritt. Die amerikanische Wochenzeitung macht hiermit doppelt Furore: Erstens, indem sie einen Kandidaten für die Vorwahlen der Demokratischen Partei schon auf die Titelseite setzt, obwohl er sich noch gegen neunzehn andere Kandidaten durchsetzen muss, und zweitens, indem sie Pete und Chasten als Paar ablichtet, genau wie Donald und Melania sowie die Vorgänger im Weißen Haus, Barack und Michelle, George Jr und Laura, Bill und Hillary, George Sr und Barbara.

Zum ersten Mal seit der Ausgabe 2013 über die Homo-Ehe erscheint damit ein schwules Paar auf der Titelseite von Time. Genauso gut hätte die Wochenzeitung bekanntere demokratische Kandidatenpaare wählen können.

Der Bürgermeister von South Bend ist natürlich nicht nur auf der Titelseite der Zeitschrift präsent, sondern der Artikel „The Mayor“ erstreckt sich im Innenteil des Magazins über sieben Seiten. Neben vielen eher belanglosen Zeilen ist Buttigiegs sehr positive Einstellung zu Homophoben bemerkenswert: Ihm zufolge ist ein Homophober oft ein potentieller Homophiler, weshalb er deren Haltung nicht aufs Schärfste verurteilt. Die Erfahrung hat ihm gezeigt, dass sich eine anfänglich negative Reaktion im Laufe der Zeit in eine viel positivere, ja sogar militant positive Haltung verwandeln kann.

Bei diesem Wandel steht der Gewinn an Wissen und Information über Homosexualität und Homosexuelle an vorderster Stelle, und genau das bringt Pete Buttigiegs Präsenz auf der Titelseite von Time: Mehr Wissen, und daher potenziell eher Sympathie für LGBT-Menschen als Ablehnung.

Es ist anzunehmen, dass Pete Buttigieg absichtlich ein Wort aus dem Sprachgebrauch Barack Obamas verwendet: Kühnheit (audacity). Man wird sehen, ob die kühne Einstellung des Kandidaten ihn ins Weiße Haus bringen wird.

L’Équipe spricht über Homophobie im Sport und positioniert sich klar dagegen

Die französische Sportzeitung L'Équipe hat nicht einfach nur ein schwules Sportpaar auf die Titelseite ihrer Wochenausgabe vom 4. Mai 2019 gesetzt: Die beiden Männer küssen sich Wasserball spielen gegenseitig auf den Mund. Das Foto machte große Wellen und überflutete soziale Netzwerke mit Kommentaren, die manchmal enthusiastisch und manchmal hasserfüllt waren, selten jedoch gleichgültig.

Zwei sich küssende Wasserballspieler auf dem Titel von <em>L'Équipe</em>

Ein Kuss unter Mannschaftskameraden... © lequipe.fr

L’Équipe widmet dem Thema nicht nur die Titelseite, sondern druckt einen Artikel mit 88 Seiten über die Wahrnehmung von Homosexualität und Homophobie im Sport. Diese Veröffentlichung kommt zeitgleich mit einem Fernsehdokumentarfilm, der vom schwulen Fußballer Yoann Lemaire mitverantwortet wird. „Mehrere französische Weltmeister und Noël Le Graët, Präsident des FFF, verweigerten einen Kommentar hierzu“, bedauert die Sportzeitschrift.

Der Artikel beginnt mit einem ausführlichen Teil über Justin Fashanu, dem einzigen „großen“ Profi-Fußballer, der seine Homosexualität während seiner Karriere offenbart hat. Sogar sein US-Kollege Robbie Rogers hatte sich nach der Enthüllung seiner Homosexualität sofort zurückgezogen.

Mehrere Sportler, wie zum Beispiel die Kugelstoßerin Laurence Manfredi, sprechen über ihre Homosexualität, ihr Coming-out und die Reaktionen von Familie, Freunden, anderen Sportlern und Fans. L’Équipe thematisiert auch ausführlich die Homophobie, die in Stadien im Allgemeinen und in Fußballstadien im Besonderen herrscht, sei es in Frankreich, England, Brasilien oder Mexiko. Auch der Amateursport, insbesondere der Fußball, ist nicht vergessen. Leider kommen keine Schiedsrichter aus den diversen Sportarten zur Sprache, was auch sehr wichtig gewesen wäre.

Transport for London verbietet Anzeigen aus homophoben Ländern

Transport for London (TfL) verbietet seit neuestem jede Werbung aus 12 Ländern mit sehr niedrigen Menschenrechtsstandards, die Homosexualität mehr oder weniger explizit kriminalisieren, wobei sechs dieser Länder die Todesstrafe für Schwule und Lesben vorsehen.

Sadiq Kahn #EveryLoveMatters

Sadiq Kahn. Der Bürgermeister von London ist Muslim und unterstützt LGBT-Bewusstseinskampagnen, wie hier 2018. © Greater London Authority

Die Londoner Verkehrsbetriebe verbannten im April 2019 zunächst alle Plakatkampagnen aus Brunei auf ihrem gesamten Netz, nachdem das Ölsultanat gerade eine strikte Anwendung der Scharia (islamisches Recht) angekündigt hatte, die die Steinigung von erwachsenen Frauen und Homosexuellen vorsieht.

Es folgen elf weitere Länder, alle mit muslimischer Mehrheit, die hier in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt sind (in kursiv diejenigen, in denen sexuelle Beziehungen zwischen einwilligenden Erwachsenen gleichen Geschlechts sogar mit der Todesstrafe belegt sind): Afghanistan, Iran, Jemen, Katar, Mauretanien, Nigeria, Pakistan, Saudi-Arabien, Somalia, Sudan, Vereinigte Arabische Emirate.

Die Nahverkehrsgesellschaft TfL begründete ihr Anzeigenverbot auf eine Stellungnahme der International Association of LGBTI People (Ilga). Die 12 Länder, ihre öffentlichen oder halböffentlichen Agenturen, ihre Medien sowie jede von ihnen beauftragte Werbeagentur haben nicht mehr das Recht, Werbung für diese homophoben Länder zu machen.

Diese proaktive Kampagne, die von der Ökologin Caroline Russell gestartet wurde, wurde überzeugend vom Londoner Bürgermeister Sadiq Khan (selbst Muslim) und dann von TfL umgesetzt.

London Pride 2018

TfL unterstützt nicht nur den London Pride (hier 2018), sondern steht auch klar zu seiner Position. © tfl.gov.uk

Aus vertraglichen Gründen darf TfL die Londoner Seilbahn Emirates Air Line cable nicht umbenennen. Nach Ablauf der vertraglichen Verpflichtung ist eine Namensänderung jedoch durchaus möglich.

Kanada gedenkt der Entkriminalisierung der Homosexualität mit einer Münze

Kanadische 1-Dollar-Gedenkmünze in Rollen zu 25 Stück

25 Dollar und ein starkes Symbol. © mint.ca

Égality/Equality – unter dieser Bezeichnung gab die Royal Canadian Mint am 23. April 2019 offiziell eine 1-Dollar-Münze „zu Ehren des 50. Jahrestages der Entkriminalisierung der Homosexualität in Kanada“ heraus. Der „Gleichheits"-Dollar zeigt zwei Daten: die Entkriminalisierung der Homosexualität in Kanada (1969) und die Ausgabe dieser Ausnahmemünze (2019). Es zeigt ein stilisiertes Bild von zwei Menschen, die sich unter dem Ahorn küssen, dem Symbol Kanadas.

Hier der sehr erfolgreiche Video-Clip zu diesem Sammlerstück auf YouTube:

Die „Equality“-Münze ist nicht einzeln erhältlich sondern nur als Rolle mit 25 Münzen für 54,95 Kanadische Dollar (36 Euro), also mehr als das Doppelte des Nennwertes. Eine Sonderedition von 15.000 Rollen à 25 Stück ist außerhalb der üblichen Handelskanäle erhältlich, jedoch nur für Personen mit Wohnsitz in Kanada oder den Vereinigten Staaten.

Die Royal Mint hat außerdem eine zweite „Equality“-Münze herausgegeben, ebenfalls in 15.000 Exemplaren und außerhalb der üblichen Handelswege. Diese 10-Dollar-Münze (6,6 Euro) wurde in einer speziellen Box verkauft. Der Stückpreis von 49,95 Kanadischen Dollar (33 Euro) erklärt sich durch die sehr reine Silberlegierung, die Farbherstellung und die Nummerierung jeder Kopie. Auch darauf sind zwei sich küssende Menschen (offensichtlich zwei Männer) zu sehen, umrahmt von den Worten equality und égalité.

Joe Average

Joe Average, der Künstler, der die kanadischen LGBTQ-Gedenkmünzen entworfen hat. © mint.ca

Die Sondermünzen wurden von Joe Average (Rückseite, „LGBTQ2“ und gender fluid) und Susanna Blunt (Vorderseite, Königin Elisabeth II.) entworfen und stellen „eine besondere Würdigung der Vielfalt, der Freiheit, die Person der Wahl zu lieben sowie an den Weg zur Integration“ dar. Die Auflage ist auf drei Millionen Stück begrenzt.

Im Jahr 1969 hat das kanadische Parlament gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen zwei einvernehmlichen Erwachsenen entkriminalisiert, wobei das gesetzliche Alter der Volljährigkeit 21 Jahre betrug. Joe Average lebt als Künstler in Vancouver und ist seit 1984 ein HIV-positiv. Vermutliche hat er auch den Trailer für diese besonderen Gedenkmünzen entworfen.

LGBT-Gedenkmünze zu 10 Dollar

Ein tolles Geschenk für LGBT-Freunde. © mint.ca

Die vier Themen im Überblick

Jede dieser vier Initiativen hat Schlagzeilen gemacht, aber im jeweiligen Land auch Kontroversen ausgelöst – ein Beweis dafür, dass Homophobie auch bei legalisierter Homo-Ehe allgegenwärtig bleibt. Hier die Themen in diesem Artikel nochmals im Überblick:

  1. Pete Buttigieg und sein Mann auf der Titelseite von Time Magazine
  2. L'Équipe spricht über Homophobie im Sport und positioniert sich klar dagegen
  3. Transport for London verbietet Anzeigen aus homophoben Ländern
  4. Kanada gedenkt der Entkriminalisierung der Homosexualität mit einer Münze

Welche dieser vier Initiativen ist denn die mutigste? Das ist sicherlich Geschmackssache.

Welche dieser vier Initiativen wird die größten und nachhaltigsten Auswirkungen haben? Schwierig, hierzu eine Prognose zu wagen – aber bedeutungsvoll sind sie alle vier.

Wolfgang / MensGo

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