Bücherzensur heute

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (No Ratings Yet)
Loading...

Bücherzensur heute

(Blogmensgo, schwuler Blog vom 5. Oktober 2019) Vom 22. bis 28. September 2019 fand die Woche der zensierten Bücher statt, eine Veranstaltung, die besser bekannt ist als Banned Books Week. Und wie bereits hier im Jahr 2016 erwähnt, scheint beinahe jeder Vorwand zum Verbieten von Büchern gut, unabhängig vom Land oder Ort des Verbotes und unabhängig vom Inhalt der betreffenden Bücher. Viele Webseiten, meist englischsprachig und vor allem amerikanisch, erwähnen das Thema.

Zensierte Bücher in den Vereinigten Staaten

Selbst die beliebtesten Bücher wurden oder werden immer noch zensiert, wie diese Overdrive-Bibliothek in den Vereinigten Staaten zeigt (Screenshot).

Es gibt auch eine neue Form der Zensur: Bücherlesungen von Menschen, die als beleidigend empfunden werden. Insbesondere gab es viel Aufruhr um Lesungen von Drag-Queens für kleine Kinder. Schockierend! fanden bigotte Gruppen, Eltern von Schülern, religiöse Vereinigungen und andere Leute diese sehr offene Haltung. Allerdings: Kinder lieben solche Lesungen sehr. Für Kinder ist eine Lesung durch Personen des dritten Geschlechts eher ein festliches und lustiges als ein militantes und verstörendes Ereignis.

Trotzdem gab es Verbote für Drag-Queens, Kindern aus „harmlosen“ Büchern für vorzulesen – man mag es kaum glauben.

Kinder sehen hierin nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil. Und das nicht aus Mangel an Phantasie, wie diese nette Anekdote zeigt, die von einem ehemaligen weiblichen Pornostar in einem Buch erzählt wurde. Die für ihre recht freizügigen und trashigen Rollen bekannte Frau beschließt eines Tages, ihrer kleinen Tochter zu erklären, dass sie Filme „für Erwachsene“ mache. Die Mutter merkt dann zu ihrem Erstaunen, dass das Kind sich vorstellt, sie spiele Superheldenrollen in Vampir- oder Gangsterfilmen.

Zensierte Bücher

Wie diese Bibliothek in Ozeanien (Screenshot) erläutert, sind Bücher auf der ganzen Welt und unter sehr irreführenden Vorwänden verboten.

Roberts Rezension zu den dreizehn am häufigsten verbotenen Büchern in den Vereinigten Staaten im Jahr 2019 stellt heraus, dass keines von ihnen wegen homosexueller Szenen oder Kommentare verboten wurde. Die drei Hauptgründe, aus denen Bücher in den USA auf den Index gesetzt werden sind zumindest zahlenmäßig (heterosexuelle) Sexszenen, religionsfeindliche Aussagen sowie unflätige Sprache.

Die folgende Karte wurde vom Verein Global English Editing online gestellt und in diesem Artikel von ActuaLitté aufgegriffen.

Weltkarte der zensierten Bücher

Religion und religiöser Anschein sind die Hauptgründe für homophobe Zensur © geediting.com

2019 umfasste die Liste der in einem oder mehreren Ländern verbotenen Bücher globale Bestseller wie den Koran (Nordkorea), die Bibel (Libyen, Malediven) und Satanische Verse (viele muslimische Länder). Einige Länder verbieten auch Bücher, die gegen ihre politische Doktrin oder ihren „Nationalstolz“ verstoßen oder die zu sehr an die dunklen Stunden ihrer Geschichte erinnern. So ist Mein Kampf in Österreich nach wie vor verboten, ebenso wie Bücher über den Völkermord an den Indianern in den Vereinigten Staaten und den an den Armeniern in der Türkei. Es überrascht nicht, dass viele Bücher über Sexualpraktiken, die als abweichend gelten, insbesondere Pädophilie und Inzest (Lolita in Argentinien) oder Fetischismus und Sadomasochismus (Fifty Shades of Grey in Malaysia), ebenfalls vorübergehend oder dauerhaft verboten sind, ebenso wie Bücher von politischen Gegnern (Liu Xiaobo in China) oder mit politischer Satire (George Orwell in den Vereinigten Arabischen Emiraten).

Was ist mit Büchern über männliche oder weibliche Homosexualität? Natürlich können wir uns vorstellen, dass Werke wie Love! Valour! Compassion! von Terrence McNally in Ländern wie dem Iran oder Indonesien nicht veröffentlicht oder gar auf der Bühne präsentiert werden.

Abgesehen von diesen wenigen Ländern, in denen jegliche Bezugnahme auf Homosexualität verboten ist, hängen die meisten Verbote von Ort, Zeit, Institutionen und Personen ab. So konnte Lillian Hellman ihr Stück The Children‘s Hour ohne besondere Schwierigkeiten oder Zensur schreiben und aufführen. Die gleichnamige Filmadaption des Stücks musste sie jedoch umschreiben, weil sie fälschlicherweise einen Eindruck von Homosexualität hervorruft: Hollywood mit seinem sehr rückständigen Motion Picture Production Code verbot jeden Hinweis auf Homosexualität. Es verhinderte auch nicht den Erfolg ihres Meisterwerks The Little Foxes im Theater oder durch William Wylers Film, trotz einiger lesbischen Anspielungen.

Kinofilme, die aufgrund von Homosexualität zensiert wurden

Nicht nur Bücher werden zensiert, sondern auch ihre Adaptionen für Kino und Fernsehen. © LettMotif

Die meisten Länder, die einst anstößige Werke verbaten oder ihre Autoren wegen Verletzung der öffentlichen Moral verfolgten, haben in den folgenden Jahrzehnten eine versöhnlichere Haltung eingenommen und auf gerichtliche Verfolgung verzichtet. So kann jeder John Rechy oder Sarah Waters in den Vereinigten Staaten, Oscar Wilde oder Emma Donoghue in Irland, Pierre Guyotat oder Monique Wittig in Frankreich, Alan Hollinghurst oder Virginia Woolf in Großbritannien lesen.

In diesen Ländern leiden dieselben Autoren jedoch immer noch hier und da unter den Ungleichbehandlungen von Bibliothekaren, bigotten Leuten, Politikern und mehr oder weniger fanatischen Vereinigungen, insbesondere unter dem Vorwand religiöser Überzeugungen. Das passiert jedoch oft auf versteckte Art und Weise: Die fraglichen Bücher verschwinden heimlich aus den Regalen oder erreichen nie die offiziellen Einkaufslisten. Und in den Vereinigten Staaten werden weiterhin Bücher verbrannt, entweder heimlich oder auf dem öffentlichen Platz.

Gründe für die Zensur

Warum wird zensiert? Weil es schon immer so war. © ala.org

Tatsächlich scheint die homophobe Zensur heute vor allem für (sehr) kleine Kinder in den Vordergrund zu treten. Besonders kritische und reaktionäre Erwachsene melden sich laut und deutlich, wenn ein Kinderbuch von der Liebe zwischen zwei Löwen oder zwei Löwinnen, zwei männlichen Pinguinen oder zwei weiblichen Giraffen oder auch zwei Menschen gleichen Geschlechts erzählt. Homophobe Menschen versuchen oft, Kinder glauben zu machen, dass sie zu jung seien, um Homosexualität zu verstehen, und dass Bücher mit homosexuellen Abenteuern oder Figuren ihre psychologische Entwicklung beeinträchtigen könnten.

Diese sogenannte „Tugend“ wird erst dann verschwinden, wenn die Engstirnigkeit selbst verschwunden ist.

Bei der Zensur geht es nicht nur um Schrift oder Bilder, sondern auch um die darstellenden Künste, insbesondere Theater und Musicals. Auch hier sitzen viele Zensoren an strategischen Punkten in Schulen (Lehrer, Eltern, Schulleiter, Leiter von kulturellen Einrichtungen oder Veranstaltungen), Festivals (Programme) und öffentlichen oder privaten Theatern (Organisation, Programmierung, Partnerschaften) ein.

Es ist nicht überraschend, dass die Bühnenversion von Werken, die bereits bei ihrer Veröffentlichung in Buchform verboten waren, ein immer wiederkehrender Grund für die Zensur ist. 2009 wurde das Kinderbuch And Tango Makes Three (Zwei Papas für Tango) aus vielen amerikanischen Bibliotheken verbannt, weil es sich mit Homosexualität und gleichgeschlechtlichen Eltern beschäftigt, basierend auf der wahren Geschichte eines schwulen Pinguinpaares, das im Zoo die kleine Tango adoptiert hatte. Sechs Jahre später verboten die Eltern die Aufführung eines gleichnamigen Stückes in einer Schule in Fresno, Kalifornien. Es besteht kein Zweifel daran, dass das Stück auch an anderen Orten in den Vereinigten Staaten und anderswo verboten wird.

Auch offen oder implizit homosexuelle Themen oder Szenen sind weiterhin Grund für Zensur, trotz teilweise prestigeträchtiger Auszeichnungen. So ließen Eltern von Schülern einer katholischen Schule in Kalifornien das berühmte Musical Cabaret von John Kander und Fred Ebb 2013 unter mehreren Vorwänden verbieten, darunter die „vulgäre“ Natur der Show und „homosexuelles Verhalten“ auf der Bühne. Ein Jahr später verhinderte eine Schule in Pennsylvania nicht nur die Aufführung des Musicals Monty Python‘s Spamalot wegen „homosexueller Themen“, sondern entließ auch seinen Theaterlehrer, weil er gegen diese Zensur protestierte.

Die Liste der 11 am häufigsten umstrittenen Bücher im Jahr 2018 der American Library Association zeigt Fälle, in denen Werke entweder verboten oder zensiert sind oder tatsächlich hier und da in den Vereinigten Staaten verboten oder zensiert werden. Die ersten drei Bücher auf der Liste wurden wegen einer Trans-Person (George von Alex Gino), „LGBTQIA-Inhalt“ (A Day in the Life of Marlon Bundo, von Jill Twiss) und eines gleichgeschlechtlichen Paares (Serie Captain Underpants von Dav Pilkey) kritisiert. Drei weitere Bücher auf dieser Liste wurden für LGBTQIA+-Inhalte, -Charaktere oder -Themen kritisiert, und die letzten beiden wurden sogar verbrannt.

Unten und in umgekehrter Reihenfolge der Rangfolge sehen wir die Top-11-Buchverbote, die 2018 in den USA beantragt wurden.

Leider gibt es unzählige weitere Beispiele, sei es in den Vereinigten Staaten (wo Bürgerrechte und LGBT-Organisationen oft besser strukturiert sind als anderswo) oder in anderen Ländern. Schade, dass die Banned Books Week nur zu einem wichtigen Ereignis in den angelsächsischen Ländern geworden ist. Es stimmt, dass in anderen Ländern, wie beispielsweise Frankreich, die Zensur aus homophoben Gründen rechtswidrig geworden ist und Täter strafrechtliche sowie zivilrechtliche Verfolgung riskieren.

Glücklicherweise sehen nur wenige homophobe Gruppen eine der Folgen ihres dümmlichen Aktivismus voraus: den meist großen Erfolg von zensierten Werken. Skandalerfolg bedeutet zwar Skandal, aber vor allem eben Erfolg. Das ist immerhin etwas.

Wolfgang / MensGo

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This Blog will give regular Commentators DoFollow Status. Implemented from IT Blögg