Coronavirus: Absage vieler Gay-Pride-Veranstaltungen droht

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Coronavirus: Absage vieler Gay-Pride-Veranstaltungen droht

(Blogmensgo, schwuler Blog vom 11. März 2020) Während es in der Schweiz noch keine schweren Fälle von Coronavirus (Covid-19) gibt, verbot die schweizer Regierung zwischen dem 28. Februar und dem 15. März 2020 alle Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Personen. In Frankreich sind bereits mehrere Menschen an Covid-19 (oder an einer mit Covid-19 zusammenhängenden opportunistischen Krankheit) gestorben, und Veranstaltungen mit mindestens 1.000 Personen sind jetzt verboten. Mit anderen Worten, vorausgesetzt, dass die Maßnahmen des vorläufigen Verbots verlängert werden, ist die Durchführung von Gay Prides in der Schweiz, in Frankreich, Deutschland und anderswo jetzt in Gefahr.

Bislang keine Todesfälle in der Schweiz, aber wie lange noch? © statistichecoronavirus.it

Das Coronavirus und seine möglichen Folgen

Zu dem Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen gab es in der Schweiz keine Todesfälle aufgrund von Covid-19. Von den ca. 100 Infizierten ist keiner ernsthaft betroffen und drei Infizierte wurden geheilt. Warum also eine so radikale Entscheidung und eine so niedrige Schwelle? Die Antwort liegt eher in der Geographie als in der Medizin: Die Schweiz grenzt an Italien und Deutschland, wo die Covid-19-Epidemie viel beunruhigender ist.

Bis zum 4. März hatte Covid-19 in Italien bereits 82 Menschen getötet und 2.634 Menschen infiziert, davon 229 schwer. In Deutschland gab es 244 Kontaminationen, davon 2 schwere, aber keine Todesfälle. Das bedeutet, dass sich die Schlinge um die Schweiz enger zieht. Die Schweizer Exekutive (Bundesrat) hat die Verbotsmaßnahme ergriffen, obwohl der Gesundheitsminister nur etwa 15 positive Fälle und etwa 100 Personen in Quarantäne verzeichnet hatte.

In Frankreich, das ebenfalls an Deutschland und Italien grenzt, wurde die Schwelle für ein Veranstaltungsverbot nach dem zweiten Todesfall von 130 Kontaminationen auf 5.000 Teilnehmer festgelegt, während noch 9 schwere Fälle zu behandeln waren (am 4. März gab es 4 Todesfälle und 212 Infizierte). Später wurde die Schwelle auf 1.000 Teilnehmer verringert.

Die Verbotskriterien betreffen neben der Anzahl der Teilnehmer auch das Konzept des begrenzten Raums. Aber was genau ist ein begrenzter Raum? Sind die Passagiere in einem Zug auf weniger engem Raum als die Zuschauer auf der Strecke eines Marathons oder in einem Fussballstadion?

Auf jeden Fall hat die Schweiz den Genfer Autosalon bereits abgesagt. Andere große Wirtschafts- und Sportveranstaltungen laufen ebenso Gefahr, abgesagt zu werden. In jedem Fall sieht das Schweizer Seuchengesetz keine Entschädigung für die Organisatoren solcher Veranstaltungen vor. An anderen Orten werden renommierte Buchmessen abgesagt, zum Beispiel in Leipzig, Paris und London.

Die Gay Pride-Saison ist in Gefahr

Müssen wir wirklich auch diese beliebten Veranstaltungen absagen? Die Tschechische Republik hat sich für eine halbe Maßnahme entschieden, nämlich bestimmte Sportveranstaltungen hinter verschlossenen Türen stattfinden zu lassen, anstatt sie abzusagen. Die Biathlon-Veranstaltungen finden wie geplant vom 5. bis 8. März 2020 in Nové Město statt, jedoch ohne Zuschauer. Die Sportler und ihr Trainerstab werden jedoch vor Ort sein, auch wenn sie gerade erst aus Antholz (Italien) zurückgekehrt sind, wo die letzte Runde des Weltcups stattfand.

Was ist, wenn die Verbreitung von Covid-19 zur Absage von Gay-Pride-Veranstaltungen in den betroffenen Ländern führt? Die CSD-Saison betrifft zum Beispiel in Frankreich vor allem die Veranstaltungen im Mai und Juni. Aber was ist mit der Gay Pride in Tignes, deren nächste Ausgabe für den 19. März 2020 am Rande der European Snow Pride (14.-21. März) geplant ist? Bis jetzt haben die Veranstalter die schwule Skiwoche nicht abgesagt.

Die Idee, Veranstaltungen hinter verschlossenen Türen zu organisieren, wie zum Beispiel die Biathlon-Veranstaltungen in Nové Město, macht im Kontext einer Gay Pride keinen Sinn. Eine Pride-Parade ohne Öffentlichkeit? Das wäre genauso wie ein Konzert ohne Zuschauer oder ein Gottesdienst ohne Gläubige.

Die Zukunft wird zeigen, die großen Gay Prides auch auf das Konto des Coronavirus gehen. Derzeit ist es noch zu früh für eine Prognose. Aber das Risiko, insbesondere das finanzielle, ist beträchtlich; in der Schweiz mehr als anderswo, da Versammlungsverbote nicht kompensiert werden, wie zu Beginn des Artikels festgestellt wurde.

Genf, Zürich und Bulle halten den Atem an

Nehmen wir zum Beispiel Geneva Pride. Im Jahr 2019 sah es so aus:

Der nächste Pride March ist für den 4. Juli 2020 in Genf geplant. Eine mögliche Annullierung würde nicht nur die Bemühungen der direkt oder indirekt an der Organisation beteiligten Stellen zunichte machen: Sponsoren, Tourismusagenturen, Hotels und andere örtliche Unternehmen (Auto- und Audio-Video-Geräteverleih), Journalisten und Fotografen usw. Die Folgen wären noch katastrophaler für die LGBT-Gemeinschaft selbst, der dann der medienfreundlichste aller Fürsprecher entzogen würde. Für die LGBT-Gemeinschaft, aber auch und vor allem für ihre Kommunikations-, Präventions- und Fürsprache-Bemühungen. Denn auch wenn die Schweizer im Februar 2020 für den Rechtsschutz gegen Homophobie gestimmt haben, bleibt noch viel zu tun, um allen Bürgerinnen und Bürgern, unabhängig von ihrer geschlechtlichen Identität und sexuellen Orientierung, wirklich gleiche Rechte einzuräumen.

Die gleiche Situation könnte etwas früher eintreten, in diesem Fall am 20. Juni, für den „Zurich Pride 2020“. Der Slogan der diesjährigen Parade lautet Bekenne Farbe gegen Hass.

Wir können erwarten, dass Covid-19 bis 2022 ausgerottet sein wird. In diesem Jahr wird in der Westschweiz zum zweiten Mal eine Gay Pride ausserhalb einer Kantonshauptstadt stattfinden (das letzte Mal 2008 in Biel). Sie wird in der Gemeinde Bulle, der Hauptstadt des Bezirks Gruyère, liegen, die ihrerseits im Kanton Fribourg liegt.

2022 ist noch weit entfernt. Bis dahin ist das Coronavirus hoffentlich weit weg – für Bulle, für seine erste Gay Pride und für die gesamte Gemeinschaft.

Hier der offizielle Clip für die Zurich Pride 2020, deren Soundtrack besonders wirkungsvoll ist.

Zwischen Pest und AIDS

Am Ende dieses Artikels hier noch zwei Hinweise auf andere Pandemien als die Coronavirus-Pandemie.

Seit die epidemiologische Situation alarmierend geworden ist, haben Buchhändler einen Kundenansturm auf Albert Camus‘ Die Pest bemerkt. Sie ruft zwar eine Epidemie hervor, in diesem Fall die Beulenpest, aber sie ist sowohl fiktiv als auch metaphorisch. Das hat nichts mit einer „echten“ Seuche oder dem Coronavirus zu tun: Die Seuche, von der Camus spricht, ist eine Metapher für den Nazismus, seine Ausbreitung und den Kampf gegen diesen Krebsgeschwür des Intellekts. Es ist vielleicht kein Zufall, dass Nazismus und Faschismus im Rückblick als die braune Pest bezeichnet werden.

Erinnern wir uns an die Narren Gottes, die behaupteten – und einige behaupten es noch heute – dass AIDS Gottes Strafe für Homosexualität und Homosexuelle sei. Das Coronavirus in all seinen Formen, insbesondere das von Covid-19, ist also Gottes Strafe gegen wen oder was? Manche Leute wollen offensichtlich ein göttliches Eingreifen gegen all das sehen, was sie irritiert und was ihnen missfällt. Womöglich finden diese Leute jetzt auch wieder einen Weg, ihrer Homophobie Ausdruck zu verleihen… wenn das Coronavirus ihnen die Zeit dazu gibt.

Wolfgang / MensGo

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